Dienstag, 15. November 2005

Strategiewechsel, Teotenango und die Sache mit den Klischees

Das war ein gutes Wochenende. Nach meiner Frustrationsphase letzte Woche hab ich beschlossen, meine Strategie zu ändern: Da aus verschiedenen "wir fahren zum Vulkan" – Plänen überraschenderweise wieder nix geworden ist, hab ich beschlossen: ich fahr am Sonntag nach Tenango, und wenn ich mich alleine in einen Bus setze. Und hab einfach allen möglichen Leuten gesagt, wenn sie wollen, können sie ja mitfahren. Das hat funktioniert; letztendlich sind Kerstin, Ana Paula, Sergio und ich gefahren.

Tenango ist ein kleines Dorf nicht weit von Toluca (ca. 25 km), das eigentlich eher bekannt dafür ist, dass sich Abiturienten mit Piña (Ananassaft mit Wodka oder wahlweise Tequila) vollaufen lassen und dann besoffen heimfahren. Wir jedoch sind wegen der Pyramiden hingefahren, die auf einem Hügel im Wald liegen. Der Ort der Pyramiden heißt Teotenango (Teo – Gott), und eigentlich handelt es sich um ein paar mehr oder weniger mickrige Treppen (im Gegensatz zu den Pyramiden, die ich schon gesehen habe, zumindest), aber das darf man natürlich nicht laut sagen, und ein antikes Spielfeld. Errichtet wurde das Ganze ca. im 9.Jh a.D. von den Matlazincas. Diese wurden später übrigens auch von den guten alten Azteken erobert.
Wie gesagt, die Pyramiden waren nicht das Umwerfendste, das ich je gesehen habe, aber der Ort ist echt schön – weitläufig, die Natur ist sehr idyllisch, man sieht meinen Freund, den Vulkan, und es gibt ein paar Schafe (die im Dorf dann gegrillt und als Barbecue verkauft werden – na Mahlzeit). Das Gelände ist umgeben von Wald, und komisch finde ich, dass der ganze Wald anscheinend voller Ruinen ist, aber offensichtlich haben sie einfach keine Lust mehr gehabt, die noch freizulegen- naja, was solls, reichen ja die paar, die man sieht..

Am Samstag Abend waren wir mit Fernando weg, meinem Freitags-Schüler, den ich vollgejammert hab und der sich daraufhin unser erbarmt und uns in eine ausnahmsweise mal echt gute Kneipe in Metepec – mit Live-Musik – mitgenommen hat. Später ist noch ein lustiger hyperaktiver Freund von ihm mit dem Namen Daniel dazu gekommen, der uns später – Fernando ist schon ins Bett gegangen – mit zur Geburtstagsfeier seines primo mitgenommen hat. Auf der Feier war allerdings nur noch folgendes Szenario: die Mama hat die Leute begrüßt und in eine vollkommen verwüstete Wohnung, die in normalem Zustand wohl eher zu den gutbürgerlich-konservativen gehört, reingelassen. In der Küche standen mehrere leere 5l-Flaschen Bacardi rum, und im Wohnzimmer sind ein paar entsprechend langsame Leute mit Augenringen gesessen, die sich schlecht artikulieren konnten und dazu Metal gehört haben. Wir sind also in La Mecha gefahren, ein nettes Antro in Metepec. Lustige Leute waren da (obwohl, sie hätten unsere Söhne und Töchter sein können).

Übrigens, Toluca heißt eigentlich "Ort des Regengottes", haben wir heute gelernt.
Was wir noch gelernt haben: So ein paar Sachen, die die Mexikaner über die Europäer denken, die mir abwechselnd die Sprache verschlagen und mich wütend gemacht haben (ha - insofern hab ich schon dem Klischee "die Deutschen werden staendig wuetend" schoen entsprochen). Bzw. hat mich die Tatsache genervt, dass sie uns nicht mit dem Hinweis "das sagen die Leute ..." präsentiert wurden, sondern "das ist so". Ohne zu hinterfragen, ob das überhaupt irgend einen Sinn macht. Mann. Also:

1) Alle Europäer sind gleich. Schweden, Spanier, Polen- alles dasselbe.
2) Alle Europäer sind "zügellos" und unmoralisch
3) Man nimmt in Europa sehr viele Drogen
4) Die Leute in Europa wollen keine Kinder kriegen, und deswegen gibt es nur alte Leute und man hat in Disneyland viel Platz zum spielen
5) Die Europäer trinken den ganzen Tag Wein, und nie Wasser
6) Es gibt fast kein Wasser in Europa (?????)
7) Und deswegen waschen sich die Europäer nicht. Vor allem die Franzosen. Die Franzosen stinken nämlich, und um das zu überdecken, benutzen sie zu viel Parfum.

Oh Jesus.
Das Mädele, das uns das erzählt hat, ist vielleicht nicht repräsentativ..?

Ich unterhalte mich mit meinen Schülern ja viel über diese Sachen. Am Samstag habe ich erfahren: wenn ein Mädel in Mexiko allein wohnt, ist sie komisch und eine Schlampe. Wenn ein Mann allein wohnt – kein Problem. Wenn ein Mann allerdings selber seine Wäsche wäscht und putzt, ist er komisch. Und die Frau hat nicht zu arbeiten, sondern sie bleibt auf jeden Fall daheim und kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Etc. Die meisten distanzieren sich von diesem Zeug und sagen, die Leute, die bessere Erziehung genossen haben, denken heute anders. Überhaupt wird die Gesellschaft wohl anscheinend langsam ein bisschen aufgeschlossener. Aber sie haben auch ganz klar gesagt, dass sie mit ihren Einstellungen die Ausnahmen sind, und dass das Obige schon der gängigen Meinung – der Durchschnittsleute, der weniger Wohlhabenden, der Menschen aus den Dörfern – entspricht.

So, heute ist Montag, die ersten quälenden vier Stunden des Tages hab ich schon hinter mir – obwohl, waren eigentlich ganz lustig - , und beim Zähneputzen in der Früh sind mir noch ein paar Sachen eingefallen.
Und zwar: ich muss in meiner Phase des Kulturschocks aufpassen, nicht arrogant zu werden oder die Gewohnheiten bzw. Einstellungen der Mexikaner zu verurteilen. Schließlich kann ich nicht davon ausgehen, dass die Menschen hier die selben Sachen gut oder wichtig finden wie in Deutschland (oder, in Bayern, bzw: daheim, halt). Es ist nicht schlechter (zumindest nicht alles), es ist einfach nur anders. Und wir müssen lernen, uns zwar kritisch – reflexiv, aber vorurteilsfrei, damit auseinander zu setzen, und gleichzeitig die Andersartigkeit der Kultur als Solche zu akzeptieren. Es macht keinen Sinn, jedem und allem eine deutsche Schablone aufsetzen zu wollen und dann jedes Mal frustriert zu sagen, aah das passt einfach nicht und die spinnen doch alle hier...
Soviel zu meiner weisen Eingebung. Soll nochmal wer sagen, früher Vogel fängt keinen Wurm.
(wobei, manchmal hilft alles nix und sie spinnen doch alle, zum Beispiel wenn wie gestern im Restaurant jemand vorbei kommt und als kleine Abwechslung zwischen den Tortillas Elektroschocks verkauft)

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