Sonntag, 20. November 2005

Vom Lehren, Bayerisch und Frostbeulen

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung ... ?
Bin mal gespannt, wie lang ich dem noch zustimmen kann. Überlebenstraining hat eingesetzt. In meinem Fenster ist ein ca. 10 cm langer und 0,5 cm breiter Riss, und noch einer, der ca. 40 cm lang ist. Wenn mal jemand eine Tür zuwirft, zersplittert die Scheibe garantiert in tausend Stücke (meine "Fensterfront" hat weniger Wiederstandsfähigkeit als ein Senfglas, und ist deutlich instabiler als eine Kaffeetasse). Nachts gefriert es jetzt, und mein Zimmer hat ungefähr die Isolationsfähigkeit von einem Zelt. Oben, unten (unter mir ist eine Art freie Waschfläche) und an zwei "Wänden" gibt es keinen Nebenraum, der die Kälte abhalten könnte. Wenn es regnet, steht das Wasser in Lachen in meinem Zimmer, und ich beobachte dann immer mit Spannung, wie lange es dauert, bis sie getrocknet sind. Unter der geschlossenen Tür könnten verschiedene Tiere problemlos ein- und ausgehen. Wobei, wieso könnten - hab ich erwähnt, dass neben meinem Bett eine Klopapierrolle steht, damit ich die Tiere (vorzugsweise schwarze, springende kleine Spinnen) schneller umbringen kann? (Wenn ich zu müde bin, lasse ich sie einfach in meinem Bettchen neben mir schlafen ... weil, die giftigen Spinnen, deren Biss den Onkel einer Schülerin von mir umgebracht hat, sind eher im Norden. Skorpione gibt's uebrigens auch in Toluca, aber von denen stirbt man ja nicht ...
Und der Fußboden ist aus Stein, der ja auch bekannt für wohlige Wärmestrahlung ist.
Zum Schlafen presse ich mich in einen Hüttenschlafsack (der den Nachteil hat, dass ich meine Beine quasi nicht bewegen kann, weil mumienartig eingeschnürt), dazu erwähnter Navajo-Schlafsack an Wärmflasche plus Decke drüber. Trotzdem wache ich jede Nacht auf, weil so KALT! Und sie sagen, im Dezember und Januar geht's erst richtig los ... ich glaub ich muss demnächst mal die "Fensterfront" mit Isomatten zunageln. Falls es hier Isomatten gibt.
Und dann kommt mir immer jeder mit dieser "aber-du-als-Deutsche-bist-die-Kälte-ja-gewöhnt- Geschichte". Und keiner will mir so recht glauben, dass in Deutschland das Konzept der Zentralheizung funktioniert. HEIZUNG! HEIZEN! KÜNSTLICHE WÄRME außerhalb der Mikrowelle! Naja, was solls, in Ismaning wars kaelter ...

Ansonsten:
J hat mich heute gefragt, ob ich nicht laenger in der Schule arbeiten will! Hurra, das freut mich! (abgesehen davon, dass ich natuerlich nicht laenger bleiben will, zumindest definitiv nicht in dieser 10-qm-Kaeltehoelle)
Langsam habe ich immer mehr das Gefühl, das mit dem Unterrichten unter Kontrolle zu kriegen. Am Anfang war ich hauptsächlich darum bemüht, die Stunde(n) irgendwie zu überstehen, aber langsam bin ich soweit, dass ich mir Konzept und Plan aneigne, und mich drauf konzentrieren kann, wie ich ihnen das beibringen kann, was ich ihnen beibringen will. Hm, wahrscheinlich überhaupt nicht nachvollziehbar für keinen Menschen außer für mich... ich meine, ich finde langsam heraus, wie meine eigene "Lehrmethode" ist. Zum Beispiel bin ich anscheinend die erste Lehrerin der Schule, die den Schülern Details über die Aussprache beibringt. Am Samstag war eine Neue in meiner clase, die schon jahrelang deutsch lernt und wirklich gut spricht, aber als ich ihr gesagt hab, dass sie beim "w" und "v" auf die Lippe beißen muss, war das eine vollkommene Neuigkeit für sie. Überhaupt ist das mein Lieblingsthema: Aussprachetraining. Diese Hispanohablantes machen ja alle ungefähr die selben Fehler, deshalb ist es relativ einfach für mich, weil ich immer wieder dieselben Sachen sagen kann: B ist nicht V. Beim T musst du spucken, und das G verschließt den Luftstrom. Etc. Lustig ist, dass mittlerweile ziemlich alle meine Schüler – durch verschiedene Kurse hindurch – sich angewöhnt haben, die langen Vokale superübertrieben lang auszusprechen- weil sie normalerweise nicht zwischen lang und kurz unterscheiden und nämmen und gäbben sagen, und ich sie immer uebertrieben verbessere. Ich habe mittlerweile 12 Kurse, und mindestens 5 davon machen sich über mich lustig, strecken den Kopf vor wie ein Huhn, verziehen den Mund und sagen: Neeeeeeeehmen. Hurra, sie lernen! Mein Deutsch!

Was mir manchmal bisschen Sorgen macht: dummerweise weiß ich oft nicht, ob ein Wort bayerisch ist oder umgangssprachlich oder ganznormalhochdeutsch ... wie zum Beispiel: gleich danach- ist gleich bayerischer als sofort? Macht es Sinn, den Leuten das Wort Badelatschen beizubringen? Heißt es Ich gehe zur Arbeit oder in die Arbeit? Wird Schürzenjäger auch außerhalb von Bayern verwendet? ... Naja- was solls, bayerisch passt scho!

Am Donnerstag erlebte ich übrigens die wahrscheinlich zähesten zwei Stunden der Welt. Wieder dieser Kurs, der leider gar nix kapiert. Als dann M. den Beispielsatz "Ach, wenn doch der Deutschunterricht schon zu Ende wäre" gesagt hat, bin ich mal wieder sauer geworden und ungeduldig und leicht laut: DAS IST DOCH NICHT SO SCHWEEER, ODER??? Kontraproduktiv..., wie ich danach feststellen musste ... ich hab ihn danach in alter Lehrermanier "zu mir gerufen", und ihn gefragt, ob er eigentlich ein Problem mit meinen Unterricht hat oder was, oder wieso er überhaupt immer so negativ ist. Auf einmal wurde er ganz leise und hat gesagt, naja weißt, ich verzweifle halt einfach: Ich lern jetzt seit 5 Jahren deutsch und versteh immer noch nix. Ich kapier's einfach nicht! Es ist zu schwer, und ich hab jetzt langsam keinen Bock mehr ... tja, was soll man dazu sagen ..

Im Allgemeinen, muss ich jetzt aber nochmal festhalten, sind meine Schülerchen ganz schön lieb zu mir: sie bringen mir Essen mit, leihen mir Bücher (6 hab ich mittlerweile rumliegen), Musik, DVDs, schenken mir deutsche Zeitschriften, geben mir Freizeitgestaltungstipps, laden mich zu sich nach Hause ein --GUUUUT (wie Juan sagen würde). Das gibt mir ein gutes Gefühl.

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