Dienstag, 31. Januar 2006

Coyoacán

Hallo. Eine neue Nachricht aus dem schönen Mexiko.
Was habt ihr am Wochenende erlebt? Bei mir ist Folgendes passiert:
Freitag Abend hab ich diese blöden Pläne geschrieben, bin brav zuhause geblieben, damit ich Samstag um 06:00 aufstehen konnte, für..? Was nochmal? Um 1 ½ Stunden auf das Schaf zu warten, das tatsächlich die Frechheit hatte, nicht aufzutauchen. Ich meine, wieso auch nicht? Ich stehe Samstags sowieso immer gegen 6 auf, um ein bisschen in Klassenzimmern zu sitzen. Die spinnt ja wohl.
Naja, Schwamm drüber. Die Klasse von 9-12 war wie immer ganz lustig. Abends bin ich mit denen "ausgegangen", das heißt, in Galerias ins Kino. Werde ich alt?
Sonntag früh bin ich mit Kerstin mal wieder nach México gefahren. Meine Schülerchen, das merke ich ab und zu, sind zum Teil ganz schön verzogen. Die haben mir schon tausendmal gesagt, oh Jesus, in die Metro in Mexico würde ich nie einsteigen, die ist ganz schlimm. Wir sind selbstverständlich trotzdem damit gefahren, und ich würde mal sagen, in New York ist sie definitiv grauslicher. OK, wir hatten keine Rush Hour, und OK, wir haben uns postwendend auch gleich verfahren. Aber ansonsten ist es eher lustig. An jeder, wirklich JEDER, Haltestelle kommen irgendwelche "vendedores ambulantes" (Straßenverkäufer) rein und verkaufen hauptsächlich gebrannte CDs. Das heißt, abwechselnd gibt’s verschiedenartige laute Beschallung mit mexikanischen Schlagern oder DanceFloor-Meisterwerken, und dazu den obligatorischen Schrei "diez pesos a diez pesooos". Wahlweise kommen auch Kaugummis, oder auch mal ein blinder Gitarrespieler, der seine Tochter zum Geld sammeln dabei hat. Wird nie langweilig, zumindest.
Unser Ziel war gestern Coyoacán (Ort der Coyoten auf Náhuatl), ein wirklich schönes "Bohéme"- Viertel im Südwesten der Stadt. Wir sind zuerst ins Museum von Frida Kahlo gegangen, das war echt cool. Ein sehr schönes blaues Haus mit riesigem Garten, in dem sie früher mit Diego Riviera gelebt hat.
Ich weiß nicht, ob ihr den Film über sie gesehen habt oder ihre Bilder kennt, aber dieses Museum zeigt eindrucksvoll, wie sehr der Schmerz ein Thema in ihrem Leben war. Nachdem sie diesen fürchterlichen Unfall hatte, bei dem alles mögliche durchbohrt wurde, musste sie ein Korsett tragen, und hatte ihr Leben lang anscheinend extreme Schmerzen. Es gibt eine kleine Zeichnung von ihr, sie zeichnet Füße, und darunter steht: Wozu brauche ich Füße, wenn ich doch Flügel habe zum Fliegen.
Oben im Haus ist noch der Ort, an dem sie gemalt hat, u.a. mit einem unvollendeten Portrait von Stalin. Sie und Riviera waren Teil der links-intellektuellen Künstler-Szene, ein Bild von ihr heißt El Marxismo Dará la Salud (Marxismus bringt Gesundheit).
Danach sind wir ein bisschen durchs Zentrum von Coyoacán gelaufen, da sehen die Leute wirklich sehr anders aus als in Toluca. (Natuerlich hab ich mich an dieser stelle mal wieder tierisch geaergert, weil ich in TOLUCA gelandet bin..) Der künstlerische Einfluss ist an allen Ecken sichtbar, man sieht verschiedenste Arten von Menschen, die ganze Atmosphäre ist viel lebendiger und freier als in allen anderen Orten in Mexiko, in denen ich bisher war. Weite Alleen und enge Gassen mit Kopfsteinpflaster, schöne alte Häuser im Kolonialstil, Leute fahren mit dem Fahrrad durch die Straßen (das muss erwähnt werden, weil in Toluca unvorstellbar), überall Bars und lustige kleine Geschäfte. Am Zócalo das ehemalige Rathaus, wo Cortés das erste municipio gegründet hatte, nach dem Fall von Tenochtitlán.
Zum Schluss waren wir noch im Museo Nacional de Culturas Populares. Thema: Migration in Mexiko. Sehr interessant war eine Fotoausstellung über eine indígena, die in völliger Armut mit ihren sechs Kindern einen Ort gesucht hat, wo sie arbeiten können, um nicht zu verhungern. Auf der anderen Seite die Geschichte der mojados, der illegalen Emigranten in die USA. Das hat mir ein bisschen klar gemacht, weshalb der Charakter der Mexikaner für mich zum Teil so seltsam und undurchsichtig erscheint. Die nationale Identität dieses riesigen Landes mit über 100 Millionen Einwohnern, an der Schnittstelle zu Südamerika und dem großen Meister USA, ist irgendwie ein bisschen gespalten. Sie gehören nicht nach Süden und verabscheuen den Norden, wollen aber doch am Liebsten etwas anderes sein, als sie sind. Hm- ich gehe nicht davon aus, dass mir gerade jemand folgen kann. Aber diese Fotausstellung der Tomaten pflückenden Frau auf der einen Seite und die Tatsache, dass alleine die Tec in Toluca über 7.000 Studenten hat, auf der anderen Seite... ok, Erklärung: die "Tec von Monterrey" ist eine der teuersten Unis von Mexiko. Man kann dort schon ab der prepa, d.h. quasi ab dem Gymnasium hingehen plus das gesamte Studium dort machen. Und jetzt: Ein 4-monatiges Semester an der Tec kostet umgerechnet in Etwa 3.500 Euro. EURO!! Über 7.000 Eltern haben alle 4 Monate 3.500 Euro übrig, um ihre Kinder in die Tec zu schicken! Ich frage mich ernsthaft, wie das funktioniert.
Aber das nur am Rande.
Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse, zumindest nicht im D.F. Heute früh hab ich die arme Julieta ins Krankenhaus gefahren, weil sie vor Magenschmerzen nicht mehr sitzen konnte. Kein Wunder bei dem Stress, den sie gerade hat. Ihr Kommentar heute: Ach, mir gehts schon viel besser. Nichts schlimmes, nur ein kleines Magengeschwuer.

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