Donnerstag, 19. Januar 2006

Wie die Gezeiten

Was gibt’s Neues in Deutschland? Wie ist eigentlich das Wetter? Verpasse ich tiefgreifede Ereignisse irgendeiner Art?
Mir und meinem Magen geht’s wieder gut. Ich kann endlich wieder Kaffee trinken, zum Beispiel. Mit Chili bin ich lieber noch ein bisschen vorsichtig. Und heute kann ich auch wieder sagen, dass sich meine stürmische Gemütslage langsam wieder beruhigt. Ich war die letzten Tage extrem aufbrausend, eigentlich wahrscheinlich ein Monster, und wollte am Liebsten heim. Echt. Zum Einen, klar, wenn ich meiner Existenzgrundlage ESSEN beraubt werde, oh Gott, dann ist alles zu spät. Zum Anderen hatte ich mal wieder eine kleine Kulturschock-Phase, in der mich das mexikanische Sein extrem angenervt hat. Thema: Freundschaft. Ziemlich trauriges Thema, im Großen und Ganzen. Ich hab jetzt keine Lust, hier ins Detail zu gehen. Nur meine Konklusion: Wenn ich dauerhaft hier wäre, wäre ich der einsamste Mensch der Welt, weil hier Freundschaft einen ganz anderen Stellenwert hat als in Deutschland / oder vielleicht nur für mich? Keine Ahnung. Hier wird man jedenfalls im Allgemeinen von den Leuten hängen gelassen, und das finde ich wirklich ziemlich traurig. Sie meinen es ja nicht mal böse, wahrscheinlich. Ich persönlich habe es jedenfalls lieber mit einem "deutschen Eisblock" zu tun, mit dem es vielleicht Monate dauert, bis wir "befreundet" sind, aber dann kann ich mich auf ihn verlassen. Statt nach der ersten Unterhaltung gleich hysterisch gut befreundet zu sein, und diese Begeisterung dann schwinden zu sehen wie Luft aus einem nicht zugeknoteten Luftballon, wenn man ihn loslässt.
Was mich zu der Frage gebracht hat: Was ist mir wichtig an einem Menschen?
Die letzten Tage habe ich also größtenteils damit zugebracht, über diese und ähnliche Fragen nachzusinnen.
Heute früh habe ich auf einmal bemerkt, dass sich mein Gemütssturm gelegt hat. Wieder Ruhe, nur hie und da ein leises Lüftchen.
Was sonst noch passiert ist: Clara hat mir eine komplette Stunde lang von ihrer Schwiegertochter Joana erzählt. Dass sie nicht mit ihr redet, und nicht für Fernando kocht. Dass sie überhaupt ein bisschen komisch ist und sich auch mit Mariana und Javier nicht gut versteht. Ich kenne jetzt die Namen von allen 4 Kindern mit Ehepartnern, deren Kinder und Lebensumstände. Sie ist nett. Nächste Woche zeigt sie mir Bilder. Manchmal frage ich mich, was genau es bedeutet, "Lehrer" zu sein, oder was zum Teufel ich da überhaupt tue. Na ja. Ich muss nicht mehr nach Metepec, weil Jozelma jetzt Einzelunterricht will und in die Schule kommt. Das ist spitze. Sie hat mir zum ungefähr fünften Mal angeboten, zu ihr zu ziehen und in der Firma ihres Freundes Deutsch zu unterrichten. Ich mag sie! Ich habe mit Andrea 99 Luftballons übersetzt, und den Jungs 2raumwohnung vorgespielt. So ist das: Alltag. Sogar an das "4x pro Woche um 6 aufstehen" hab ich mich schon (einigermaßen) gewöhnt. Es ist also ruhig. Nach und vor dem Sturm.

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