Dienstag, 10. Januar 2006

Zeit, um mit von mir verbreiteten Unwahrheiten aufzuräumen

1. Ich bin aufgrund meiner Arbeitszeiten bemitleidenswert.
Also gut. Trotz gelegentlicher Jammertiraden bin ich nicht mehr die Lehrerin, der es in dieser Schule am Schlechtesten geht. Die arme Kerstin muss ab morgen jeden Tag um 05:00 aufstehen, eine Stunde zu Bosch fahren, und von 07:00 bis 09:00 dort einen Typen unterrichten. Dann wieder eine Stunde mit dem Bus zurück. Oh die Arme. Wie fürchterlich. Boah, bin ich froh, dass dieser Kelch an mir vorüber gegangen ist...

2. Das Pferd ist doof.
Darf ich folgende Szene mit euch teilen: Ich sitze im Büro. Ein junger Mann kommt rein und sagt zu Sergio, "ich möchte eine Schülerin abmelden. Sie kommt den ganzen Januar nicht. Ihr Name ist [hier Namen des Pferdes einfügen]" --- Ahhh ich wollte ihn kuessen! Hab mich in die Backe beißen und auf den Boden schauen müssen, um nicht laut loszujubeln. Ah, dios existe. Ich mag das Pferd.

3. OK. Toluca ist nicht die kälteste Stadt in Mexiko. Der Estado de México ist nicht mal der Staat, in dem es am Kältesten wird. Das habe ich heute früh erfahren; die kältesten Staaten sind nämlich im Norden: Chihuahua, Sonora und Coahuila. Dort herrscht extremes Wüstenklima: es hat im Sommer über 40°, und im Winter – also jetzt - bis zu –24°C.

4. Entsprechend heizen die Leute natürlich auch; die Wohlhabenderen mit Gas oder Öl, und die Armen mit Holz.
Dort in der Gegend im Gebirge leben tatsächlich indígenas, ohne Elektrizität und NICHTS, das ist mal ein hartes Leben.
Außerdem habe ich noch eine interessante Geschichte erfahren: es gibt auch Indianer (nicht nur die von prähistorischen Völkern abstammenden indígenas) in Mexiko, und zwar ebenfalls im Gebirge im Norden. Einer dieser Stämme (Kikapu) ist halb-mexikanisch, halb-amerikanisch. Ihr Glück, die amerikanische Regierung hat sie nämlich mit einer Art Hilfe-zur-Selbsthilfe-Programm unterstützt, und mittlerweile gehören sie zu den wohlhabendsten Leuten da in der Gegend. Warum? Sie wohnen zwar im Nichts, sind aber auf die glorreiche Idee gekommen, im Nichts ein Casino aufzubauen! Sie nennen es offiziell "Casino de Kikapu", und inoffiziell "Las Vegitas". Auf der mexikanischen Seite der Sierra ist das verboten, auf der amerikanischen nicht. Eine schöne Idee.
Was für mich trotzdem noch so weit weg von der Realität, wie ich sie kenne, klingt, ist die Tatsache, dass diese Menschen immer noch vollkommen isoliert in ihrer Gemeinschaft leben. Sie sind äußerlich nicht zu verfehlen (lange Haare und typischer Schmuck), und halten sich strikt an ihre Bräuche. Der Älteste ist der jefe indio, der eine Art Schamane ist, und sogar die Weißen kommen zu ihm, um sich ihre Wehwehchen behandeln zu lassen. Wenn er stirbt, übernimmt automatisch der jeweils nachfolgende Älteste seine Position. Im Allgemeinen mischen die Indianer sich auch so gut wie nicht mit den Weißen.
Im Übrigen hat diese Schülerin mir auch erzählt, dass die mexikanische Regierung die indígenas praktisch nicht unterstützt, und dass in diesem Jahr wegen der bevorstehenden Wahlen im Juli alles ziemlich drunter und drüber gehen wird.

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