Montag, 13. Februar 2006

Folge 277: Warum wohne ich nicht in ... - ... heute: Querétaro

Einmal wieder beende ich das Wochenende mit etwas Wehmut und der Gewissheit: Mexiko hat echt viele schöne Orte.
Aber ich sollte damit anfangen, mich zu freuen. Zum Beispiel darüber, dass ich wieder in meinem warmen Bettchen schlafen kann. Das "Wochenende" hat nämlich folgendermaßen angefangen: Samstag, 06:40 früh. Susanne verlässt ihr Zimmer, hält kurz inne um sich der zwitschernden Vögelchen zu erfreuen, trottet verschlafen die Eisentreppe herunter, stoppt vor der Haustür des zweiten Hauses um den Schlüssel aus der Hosentasche zu ziehen und — hält inne. Er ist nicht da. Panik kriecht ihr den Hals hoch. Wo – ist – der – Schlüssel...? WO?? Langsam dreht sie sich um und sieht gerade noch einen großen Schatten über ihr, ein Schlag, dann wird alles schwarz.

Nein Schmarrn. Aber, wie ein Schlag trifft mich die Erkenntnis: Scheiße, der Schlüsselbund hängt noch im Zimmer. Zum ersten Mal seit dem 06.September habe ich meinen Schlüssel eingesperrt! Ich stehe also in Dunkelheit und Kälte vor verschlossenen Türen, keine Sau da, und mein erster Gedanke ist:

Wo, bitte, krieg ich jetzt einen Kaffee her?

Schon komisch, wo in Notsituationen die Prioritäten liegen. Naja, ich hatte Glück, Norbert ist bald gekommen und ich hab zumindest noch Kaffee trinken können, bevor ich meine obligatorische halbe Stunde auf das Schaf gewartet hab. Ich dachte eigentlich, dass es keinen Ersatzschlüssel in der Schule gibt, und hab mir schon verschiedenste Einbrech-Methoden überlegt - aber es gibt doch einen, wie sich rausgestellt hat. Gottseidank.
Dann haben wir nämlich gleich nach der Schule nach Santiago de Querétaro aufbrechen können, Kerstin, ein anderes deutsches Mädel namens Anette, und ich.
Drei Stunden später sind wir angekommen, zur perfekten Abenddämmerung, und sind in ein lustiges Hostal eingecheckt. Eine schöne Dachterrasse hat das, und lustig ist es deswegen: der verplante Typ an der "Rezeption" gibt mir einen Schlüssel. Später versuche ich, unsere Tür zuzusperren, geht nicht. Gehe also wieder runter und sage, "schuldigung, muss der falsche Schlüssel sein." Er, "was?" Ich, "ja, der der passt nicht in unsere Zimmertür". Daraufhin schaut er mich an, als ob ich ihn gefragt hätte, wo der Pool ist oder ähnliches, und sagt: "Aber nein. Der Schlüssel ist für die Eingangstüre. Wir sperren hier die Zimmer nicht zu. Wir sind doch unter uns. Sonst müsste ich ja für jedes Zimmer mehrere Schlüssel haben, du weißt schon, weil ja mehrere Betten drin stehen." Ich, "ne, is klar. Ich versteh. Aber- wie kommen wir dann wieder in unsere Zimmer, bitte? Wenn es keinen Schlüssel gibt?" Er (leicht ungeduldig): "na, durchs Fenster natürlich. Vom offenen Fenster aus kann man das Türschloss innen erreichen." Ach so! Ich Dumme! Wie konnten wir auch so doof sein und glauben, man würde die Zimmer aufsperren.
Lustig wär allerdings gewesen, wenn ich nicht nachgefragt hätte. Dann hätten wir nämlich das Fenster zugemacht, die Tür zugezogen, und wären nie wieder reingekommen (und wir waren die einzigen im Hostel). Naja, immer nachfragen in Mexiko. Das hilft.

Wir sind dann also in die Stadt gegangen, in diese wunderschöne, alte und geschichtsträchtige, belebte Stadt mit einem Flair wie Südspanien, oder Florenz, oder der Regensburger Haidplatz im Sommer. Die Häuser sind ockergelb oder rostrot, alle paar Meter gibt es eine Plaza mit Brunnen und Statuen, daneben eine alte Kirche oder einen "Tempel", dazwischen Fußgängerzonen mit Cafes und kleinen Ständen. Ich will da wohnen !!! Die Atmosphäre dieser Stadt ist dermaßen anders wie hier in Toluca, das kann ich gar nicht beschreiben. Die Straßen waren voll, abends und tagsüber, die Stimmung belebt und munter. Nicht wie in Toluca diese "ich muss mit meiner Sauerstoffmaske über die Schnellstraße und wenn ich um 21.00 Uhr noch auf der Strasse bin, beißen mich Hunde".
Querétaro ist eine der neun mexikanischen Städte, die zum Weltkulturerbe erklärt wurden, zudem eine der saubersten Städte Mexikos, und voller Studenten. Es gibt einen Aquädukt, der das Stadtbild von oben beherrscht, und an allen Ecken und Enden Museen und Statuen der "Insurgentes". Die Insurgentes waren eine Gruppe von Leuten, die im September 1810 eine Verschwörung gegen die Spanier angezettelt haben, den Unabhängigkeitskrieg begonnen und so die mexikanische Unabhängigkeit erkämpft haben: Vorne der Priester Hidalgo, weiterhin Guerrero, Juárez, Morelos, etc. (jedem dieser Jungs sind in jeder Stadt mindestens zwei Strassen und Plätze gewidmet; so kann man sich die Namen leicht merken). Genau diese Verschwörung hat in Querétaro ihren Anfang genommen, und zwar durch die bärtige, aber hochverehrte Dame Dona Josefa Ortiz, die "Corregidora" (die Frau des Bezirksverwalters). Man traf sich nämlich in ihrem Haus, und als das aufkam, wurde sie eingesperrt. Die Legende geht jedoch, dass sie einem gewissen Herrn Ignacio Pérez durchs Schlüsselloch sagen konnte, dass die Verschwörung in Gefahr ist. Der Gute hat diese Botschaft sogleich zu Hidalgo weiter geleitet, der dann am 16.September den berühmten "grito" (Schrei) losgelassen und somit den Unabhängigkeitskrieg begonnen hat.

Aber Schluss mit Geschichte. Wir haben uns abends mit Gersain getroffen, einer meiner Samstagsschüler, der aus Toluca ist, aber in Querétaro studiert. Sind mit ihm und seiner Freundin essen gegangen, und danach noch in eine irische Kneipe. Eine irische Kneipe! Eine echte! Münchner Bier, europäische Musik, später Live-Musik, und lustige Leute. So eine Freude. So was hab ich schon lang nicht mehr gesehen. Das war schön. Endlich mal keine Plastik-Tische, Taco-Grills und Nortena-Musik als Abendunterhaltung.
Am Sonntag waren wir schon um 09:00 in der Stadt (ungeduscht, weil Wasser saukalt. Typisch Europäer, duschen nie.) und haben bis halb 10 eine schon geöffnete Frühstückslocation gesucht. Letztendlich haben wir den Jungs der Italian Coffee Company den Tag versaut, weil sie nämlich noch keine Lust hatten mit der Arbeit anzufangen. Wir sind reingekommen (nach demütigem Bitten), nach uns ein Asiatenpärchen, und dann haben sie postwendend die Tür wieder zugesperrt. 5 Gäste am Sonntag früh reicht anscheinend. Diese Arschruhe (entschuldigung), die diese Leute hier manchmal haben, macht mich mitunter so aggressiv, dass ich schreien möchte. AAAAAHRR! (typisch deutsch. Ungeduldig, und regen sich über jeden Scheiß auf).
Wir sind den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen, in der Sonne gesessen, haben Kirchen angeschaut, eine kleine Stadtrundfahrt gemacht, sind ins Kunstmuseum gegangen und haben Eis gegessen. Schön war das. Querétaro ist weltklasse.

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