Dienstag, 28. Februar 2006

Mein Alltag mit den Reichen und Schönen

Noch vier Wochen Schule. Ich werde meine Schülerchen vermissen, und ich glaube, sie mich auch. Kürzlich – ah ja, als ich am Samstag mit Fernando Kaffee trinken war – ist mir mal wieder aufgefallen, dass meine Schüler im Groben aus drei Gruppen bestehen.

a) Der höchst ambitionierte, intelligente und gutaussehende Sohn (mitunter: die ... Tochter) aus angesehener toluqueñischen Familie, geht zu einer der besten und teuersten Universitäten Mexikos bzw. arbeitet wahlweise bei General Motors, Mercedes, Bosch, Elring Klinger, Staedler etc. Vater: Politiker, Arzt oder Ingenieur.
b) Die ein bisschen gelangweilte Ehefrau eines Deutschen, oder wahlweise eines Politikers, Arztes oder Ingenieurs, wohnhaft im Edel-Fraccionamiento, Fortbewegungsmittel: Mercedes oder Chauffeur, Beschäftigung wochentags: Kreditkartenrechnung bei Liverpool bezahlen, Beschäftigung im Haushalt: Chacha* sagen, was sie zu tun hat.
c) Das Söhnchen oder Töchterchen ehrgeiziger Politiker, Ärzte oder Ingenieure, das eigentlich keinen Bock auf Deutsch, aber auch keine Wahl hat, weil Mama es zweimal pro Woche in die Schule karrt.

Ungefähr 95% meiner Schüler gehören zu Kategorie A. Die Gewinner der mexikanischen Gesellschaft! Eigentlich ist es erstaunlich, dass trotzdem die Meisten von ihnen sehr nette, normale und gute Menschen sind. Nur die Ausnahme ist anmaßend, trägt den Wohlstand provokant vor sich her und diskriminiert jeden, der nicht dazu gehört. Lustigerweise wird das nicht durch ihr Verhalten mir gegenüber deutlich – weil ich bin ja qualifiziert und, vor allem, stamme aus einem ERSTE-WELT-LAND (das erwähnen sie ziemlich oft hier). Nein, der wahre Charakter der Leute kommt zum Vorschein, wenn ich beobachte, wie sie sich unserem Büro-Personal gegenüber verhalten (da man davon ausgehen kann, dass diese "gewöhnliche" Leute aus einfachen Verhältnissen sind).
Ich hab nix gegen die (guten) Jungs und Mädels der Kategorie A; ich mag sie sogar richtig gern. Allerdings, manchmal schmerzt mir das Herz, wenn ich mich umschaue und sehe, wie das Täglich-Brot-Verdienen der übrigen, der MEISTEN Mexikaner funktioniert. Eine unglaubliche Masse an Leuten arbeitet auf der Strasse, d.h. an den Ampeln / in den Bussen als: Kaugummi-, Telefonkarten-, Eis-Verkäufer etc.; oder auf Märkten als: Piraten-CDs/DVDs-, Billigschmuck-, Keks-, Wasserverkäufer, oder am Straßenrand als: Taco-, Huarache-, Gordita-Verkäufer, oder fährt schreiend durch die Straße als: Tamales-, Eisenwaren-, Messer-, Chipsverkäufer, oder steht einfach nur da, den ganzen Tag, als Wachmann oder Parkplatzwächter. Ein Klempner oder Mechaniker kommt hier noch mit seinem Einsatzfahrzeug "Fahrrad" und einem verdreckten Beutel voller Werkzeug zur Arbeit. Und wie viel diese Leute verdienen... weiß ich nicht, aber ich werde mich mal kundig machen.
Was ich weiß:
Eine Putzfrau bekommt fuer einen Einsatz (ca. 2-3 Stunden): 100 Pesos
Ein Klempner** bekommt fuer einen Einsatz (ca. 1-2 Stunden): 200 Pesos
Der Stundenlohn einer Englischlehrerin an der öffentlichen Uni: 40 Pesos (!!!)
Das Monatsgehalt eines schlecht bis durchschnittlich bezahlten Büro-Angestellten: 4.000 Pesos
Das Monatsgehalt einer Absolventin bei General Motors: 14.000 Pesos.

Übrigens, unsere (eloquente) Putzfrau hat mal wieder gekündigt. Man sollte die Leute hier nicht zu sehr ins Herz schließen, da sie vielleicht schon einen Tag später nicht mehr hier arbeiten. Ha, wie bei Lorenzo!


*Chacha: Abwertender Ausdruck fuer "Muchacha", eine Haushaltshilfe, meist indigena
**An der Arbeitsmoral der Klempner hier koennte man aber auch noch ein wenig arbeiten. Seit EINER WOCHE funktioniert mein Warmwasser nicht. Ja, ich bin Ironwoman, mittlerweile. Ein Klempner war vor ein paar Wochen schon 2x wegen demselben Problem da. Jetzt wurde er wieder angerufen. Er, "klar, komme sofort, ahorita!" Er ist nie gekommen.

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