Montag, 6. Februar 2006

Teotihuacán – Stadt der Götter

Und gleich wieder die obligatorische Frage: Wie war euer Wochenende?
Meins war endlich mal wieder echt gut. Am Freitag bin ich seit Langem mal wieder weg gegangen, und zwar mit Kerstin, Rodrigo, Chipi und Miguel; Schüler von Kerstin und deren Freunde. Die könnten zwar ungefähr unsere Söhne sein, aber sie sind lustig. Trinken zuviel und fahren nebenbei Auto, aber das machen hier ja alle. Bin also gegen 2 von einem Antro mit dem schönen Namen "Mantra" zurück gekommen, um am Samstag früh mal wieder von 07:00 bis 08:00 auf das blöde Schaf zu warten. Sie kommt postwendend eine Stunde zu spät!! Ich kann sie nicht ausstehen. Das ist meine einzige Schülerin, die mir leicht zuwider ist (und ich glaube – und hoffe eigentlich – dass sie das weiß).
Samstag nach der Arbeit hab ich im Groben nur noch geschlafen und gegessen (übrigens: Fisch. Ich habe FISCH gegessen!! Das war eigentlich lustig: Ich war in einer Art Fisch- und Meeresfrüchte – Restaurant und hab dem Kellner als ersten Satz gesagt: "Hallo. Ich kann Fisch nicht leiden." Habe einen "Fisch, der soviel wie möglich nach Huhn schmeckt", bestellt. Könnt ihr euch den Blick des Kellners ungefähr vorstellen? Hab nur vergessen zu sagen, dass er nach Möglichkeit auch nach Huhn aussehen soll ... Augen und Schwanzflosse auf meinem Teller kann ich wirklich nicht leiden. Na, Schwamm drüber. Soll ja gesund sein.)

Sonntag war ich dann ENDLICH! in Teotihuacán. Nachdem ich schon wochenlang darüber geredet hab. Zugegebenermaßen ist der Weg dorthin eine kleine Odyssee: Wir (Kerstin, Sergio und ich) sind um 08:00 losgefahren und haben geschlagene vier Stunden für approximative 120 km gebraucht. Erst nach México. Dann mit der Metro durch die ganze Stadt. Dann am beschissensten Terminal der Welt aussteigen. In der Früh um 10 geht's da folgendermaßen ab: Schwüle Luft, Plastikplanen aufgespannt, verschiedenste Stände aneinander gereiht, von jedem kommt eine andere extrem laute Salsa-, Nortena-, Reggaeton- oder sonstige Musik, was sich zu einer ganz wunderbaren Mixtur vereint. Dazu das Geschrei von "blabla a 10 Pesooo", blinkendes Plastikzeug, Uhren Kaugummis Batterien Tacos Softdrinks Unterhosen hier wird alles verkauft. Hektische Menschenmassen schieben sich hin und her, Pissepfützen auf dem Boden, es stinkt nach Klo plus verbranntem Fleisch, verpesteter Luft und Schweiß. Nachdem wir ca. einen Kilometer in die falsche Richtung gerannt sind und am letzten Ende irgendwann den richtigen Bus gefunden haben, war ich soweit, den Busfahrer umzubringen, der noch lockere 20 Minuten "gibt noch Plätzeee" schreit (es war noch ein Platz frei im Bus), bevor wir endlich losgefahren sind.
Die Busfahrt dann Richtung Norden war ganz schön traurig, weil ich zum ersten Mal durch eine extrem krasse Gegend gefahren bin – von Toluca aus kommt man nämlich durch Santa Fe nach México, ein reiches Viertel, das keinen ganz realistischen ersten Eindruck der Stadt verleiht. In jede andere Richtung dagegen fährt man erst mal durch Slums. Staubige Straßen, Steinhäuser (wenn ueberhaupt), die so groß sind wie ein Klo und schlimmer aussehen, mit einer schiefen Wäscheleine daneben gespannt, direkt neben vierspurigen Straßen und irgendwelchen Fabriken; an den Mauern die obligatorische mit Farbe aufgesprühte Praesidenten - Wahlwerbung mit Slogans wie "meine Priorität sind die Kinder" und ein Bild von einem grinsenden Typen im volksnahen roten Sweatshirt daneben. Und auch als wir durch die angrenzenden Dörfer gefahren sind, habe ich mir zum ersten Mal gedacht: dagegen ist Toluca ein zauberhaftes Wunderland. Das ist eine verdammt triste Gegend.

Um 12:00 sind wir bei den Pyramiden angekommen: in der archeologischen Zone von Teotihuacán, oder wie der Lonely Planet sagt, wenn es in der Nähe von Mexico City eine must-see Attraktion gibt, dann das.
Wir gehen also die ersten Schritte Richtung Pyramiden, und sehen vor uns einen Reiseführer stehen, der schreit: "alle aus meiner Gruppe zu mir!" Instinktiv haben wir uns direkt neben ihn gestellt, und sogleich hat er uns als Teil seiner Gruppe anerkannt. Das waren quasi die ersten Schritte dieser Reisegruppe, und wir waren saubere 4 Stunden lang von Anfang bis Ende dabei und haben eine höchst informative Luxus-Führung miterlebt. Das war echt Glück! Der Typ war extrem gut, und hat uns Sachen gezeigt und erklärt, wenn wir das nicht mitgemacht hätten, wär es nur halb so gut gewesen. Ich wollte danach mein schlechtes Gewissen beruhigen und ihn nachträglich noch bezahlen, aber wir haben letztlich zu lange rumdiskutiert ob und wie etc, und dann war es zu spät und er war weg... das ist mir eigentlich ein bisschen peinlich. Vor allem hoffe ich, dass die Leute nicht in irgendeinem Bus auf uns gewartet haben – so gut haben wir uns in die Gruppe integriert... naja, mein Trost ist, dass 90% Gringos waren, die haben ihm bestimmt eh einen "Sonderpreis" bezahlen müssen...

Aber was ist Teotihuacán, fragt ihr euch? Übersetzt heißt es "Ort, oder Stadt, der Götter". Es handelt sich um eine perfekt geplante Stadt mit ca. 125 000 Einwohnern, in der von 300 v.Chr. bis ca. 700 n.Chr. das Volk der Teotihuacanos gelebt hat; das erste und wahrscheinlich größte prähispanische Reich in Mesoamerika. Nicht, wie ich vorher gedacht habe, die Azteken, haben das gebaut – die waren nur ca. 1300 dort und haben sich das Ganze eher touristisch angeschaut. Sie dachten übrigens, dass sich an diesem Ort die Götter selbst geopfert hatten. Die Wahrheit ist, dass man über die wahren Ursprünge und Hintergründe dieser Stadt und der Kultur dieser Leute extrem wenig weiß. Was es dort gibt, ist Folgendes: eine relativ kleine Pyramide und einen Tempel von Quetzalcóatl, dem Schlangengott, Ecatl, dem Gott des Windes, Tláloc, dem Gott des Regens, und anderen. Einen zentralen Platz stellt die Ciudadela dar. Weiter hinten die "Straße der Toten", an deren Seiten die Azteken eine Vielzahl von Skeletten gefunden haben, da dort früher der Friedhof war. Da die Toten, um näher bei ihrer Familie zu sein, so nahe wie möglich an der Oberfläche begraben wurden, wurden nach fast 1000-jähriger Erosion die oberste Erdschicht abgetragen und die Skelette lagen quasi auf dem Boden. Weiterhin gibt's viele kleinere Pyramiden, Treppchen aufwärts und Treppchen abwärts, die dem Auge vortäuschen sollen, dass das Gebiet eine ebene Fläche ist, was aber de facto nicht stimmt: es gibt ein ziemliches Gefälle. Ein durchschnittliches Wohnhaus haben wir gesehen, 40 Leute lebten da circa zusammen, inklusive Brunnen und Dusche (ein ins Haus integrierter Aquäduct, quasi). Zwei Tempel, einer davon der Palast der Jaguare. Wandmalereien, die noch unglaublich gut erhalten sind. Die Farbe ist übrigens tierischen, pflanzlichen oder mineralischen Ursprungs (aus den Eiern von irgendwelchen Tieren, die an dem Nopal-Kaktus wohnen, stammt zum Beispiel "blutrot").
Das Eindrucksvollste, und das Zentrale von Teotihuacán, sind aber zwei Pyramiden: die Pyramide der Sonne (repräsentiert das Männliche), und die Pyramide des Mondes (das Weibliche). Obwohl die der Sonne theoretisch 10 Meter höher ist, haben die Beiden durch das Gelände-Gefälle letztlich exakt die gleiche Höhe. An dieser Stelle noch eine Bemerkung zum Thema männlich – weiblich: "Unser" Reiseleiter hat gesagt, dass der Machismo erst durch die Eroberung der Spanier nach Mexiko gekommen ist. Warum waren die Spanier Machos? Weil sie jahrhundertelang unter islamischem Einfluss standen (man erinnere sich an die conquista von Spanien, als die Araber und Mozaraber bis nach Kastilien vorgedrungen sind und letztlich bis zur reconquista der Spanier im Jahre 1492 in Granada ihre blühende Herrschaft hatten). Jedenfalls, die prähispanischen Kulturen waren extrem weiblich orientiert: alle Götter waren weiblich, das Weibliche wurde als Schaffung des Lebens bewundert, im Gegensatz zum kriegsorientiert - kämpferisch Männlichen. Ist doch schön, oder? Bei den Teotihuacanos war entsprechend die höchste Göttin auch weiblich – leider hab ich ihren Namen vergessen.
Die zwei Pyramiden also. Die Sonnenpyramide ist übrigens angeblich eine der höchsten Pyramiden der Welt.
Was man noch wissen muss: am 21.März, am Frühlingsanfang, kommen die Menschen in Scharen, und in weißer Kleidung, an diesen Ort, weil man von dort aus die göttliche Energie der Sonne in sich aufnehmen kann. Sagt man. Es geht um den Winkel, zu dem die Sonne an diesem Tag über der Sonnenpyramide steht (wenn an diesem Tag noch deutlich mehr Leute dort sind wie heute, dann würde ich mir dieses Ereignis gerne ersparen, glaube ich, weil meine persönliche spirituelle Energie schon beträchtlich darunter leidet, wenn auf halben Weg zur Pyramiden-Spitze ein Typ mit Megaphon schreit: nach rechts bitte, wir reihen uns ein, einer nach dem anderen ....)
Für den Heimweg haben wir immerhin nur 3 Stunden gebraucht, waren also insgesamt 7 Stunden unterwegs. Sind 5 Stunden pausenlos in der prallen Sonne auf verschiedene Steinhaufen geklettert. Aber es hat sich wirklich gelohnt, das war alles höchst interessant und ein sehr cooler Ausflug!

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