Freitag, 31. März 2006

Kaum kehrt man dieser Schule drei Tage den Rücken zu, schon geht alles drunter und drüber

Also, passt auf. Ich sitze also gestern im Bus, ärgere mich über mein "100-Pesos-aber-dafür-fahren-wir-sofort-los"- Ticket (normalerweise wären es ca. 200 Pesos. Whoa. Bitte sparen wir 100 Pesos und halten dafür in jedem einzelnen mexikanischen Bergdorf zwischen Querétaro und Toluca. Die haben Namen wie "Santiago Coachochitlan" im Municipio Temascalcingo, ihr wisst schon, kurz vor Atlacomulco und Ixtlahuaca. Na ja, ich war schon froh, als ich festgestellt habe, dass ich mich offensichtlich doch nicht in einem Nachtbus befinde.
Ich sitze also im Bus und zähle Kakteen, als ich eine SMS von Sergio bekomme: "Wann kommst du wieder? Wir haben GROSSE PROBLEME in der Schule, und hoffentlich kannst du uns HELFEN." O weia, GROSSBUCHSTABEN. Wenn Sergio in Großbuchstaben schreibt, muss wirklich Tragisches passiert sein. Ich, "langsam reiten, was ist los und wie lange dauert die HILFE, ich hab schließlich heut noch EIN DATE." (Ratet mal, wer gestern Abend wieder versetzt worden ist (ja, ich muss auch auf meine Oma aufpassen) – aber das tut jetzt nichts zur SACHE). Er wollte aber nix weiter sagen, und dann hab ich im Kopf bereits verschiedenste Horrorszenarien durchgespielt und mir bereits einige Notfallpläne überlegt. Man weiß ja hier nie. Vielleicht ist der böse Mann von Immigration schon da und will eine Niere von mir.

Gegen 19:00 betrete ich also das Schulgelände, sehe drei aufgelöste Gestalten im Büro sich wie Kreisel um einander drehen. Da wollte ich erst mal im Hintergebäude aufs Klo gehen. Ihr wisst ja, wenn man mit voller Blase einen Autounfall hat, ist die Wahrscheinlichkeit größter, einen Schock zu erleiden. Ein Zusammentreffen mit furioser J. kommt einem Autounfall gleich, und einem Tag vor meiner großen Reise will ich schließlich kein Risiko eingehen.
Hintergebäude also. Schlüssel rein. Schlüssel passt nicht. Wie, passt nicht?? Heute ist Donnerstag. Am Dienstag habe ich die Schule verlassen, und sie haben bereits die Schlösser auswechseln müssen. Oh weh. Ich bereite mich auf das Schlimmste vor und betrete – mit voller Blase – das Büro. J telefoniert gerade, schmeißt aber, als sie mich sieht, den Hörer auf die Gabel und umarmt mich: "Susahahahahanne – du bist wieder da. Es ist so schön dich zu sehen. Bleib!!" Alle im Büro umringen mich und singen und tanzen fast und lachen, und ich denke leise bei mir, jetzt sind sie leider wahnsinnig geworden, und wollte gerade rückwärts wieder rauslaufen und wegrennen, als sie mich aufgeklärt haben.

Es ist also Folgendes passiert:

Die neu angekommene Lehrerin, nennen wir sie "Silvia", ist tatsächlich rausgekickt worden. Wegen: "Ihre Ungepflegte Hippi-Erscheinung" repräsentiert die Schule auf nicht gerade positive Weise (Ich würde es nicht Hippi nennen, sondern Lisa im .. ihr wisst). Ihr Freund verkauft übrigens geklaute Autos, aber das ist eine andere Geschichte. Sie geht jetzt nach Guadalajara zu ihm zurück.

Das Lustige kommt jetzt: Die andere Lehrerin, unser kleines Schaf, nennen wir es "Sonja", ihr wisst schon, das Schaf auf der Suche nach einem Mentor, geht AUS SOLIDARITÄT mit. Nach Guadalajara! Hahahahahahaha!!!!! Hey da hat mal jemand zweimal mit ihr gekocht und gesagt, "kommst du mit nach Guadalajara?", und das Schaf denkt sich, "Hmmm. Sie hat ja immerhin schon zwei Mal mit mir gekocht. Sie muss ein guter Mensch sein." Und schmeißt ihren Job spontan hin. Nach einer Woche.

Ihr gefällt die Stadt nicht, und sie fühlt sich überfordert mit dem Unterricht. Oh Heimatland. Mal abgesehen davon, dass sie meiner Meinung nach die moralische Pflicht hätte, zumindest eine Woche länger zu bleiben (jetzt steht die Schule immerhin ohne Lehrer da). Sie wollte offensichtlich nicht mit der Herausforderung wachsen, na ja...
Frage mich allerdings, was sie jetzt vorhat; ich würde mir ja fast Sorgen um sie machen: Ein echtes Schaf (und damit meine ich, noch viiiel naiver wie ich), ohne Geld und Job, ohne einem einzigen "Backup-Bekannten", dafür mit Alkoholiker-Lisa als Mentorin, in Mexiko. Und mit ihren Reisepass auf unserem Küchentisch.
Ich glaube nicht, dass sie sich der Tatsache bewusst ist, dass das ganz schön böse ausgehen kann.
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Update: Gerade habe ich gesehen: Sie sitzt heulend auf der Buerocouch -- hat sie nochmal Glueck gehabt...

P.S. Heute abend treffe ich mich mit "allen Schuelern" in der Tlanchana in Metepec zum Tschuess sagen. Bin mal gespannt, ob jemand kommt.
Und morgen fahre ich los Richtung Sueden...

Hier schreib ich vielleicht irgendwann mal ueber diese Gringos in San Miguel

Donnerstag, 30. März 2006

Wieder ein bisschen schlauer in SAN MIGUEL DE ALLENDE

Wuahahaha scheisse verd.... Mist diese besch..... a.... mexikaner jetzt bin ich grad den 2.Tag allein unterwegs und schon bin ich AUSGERAUBT worden ... nur 500 Pesos gottseidank. Und natuerlich bin ich selber schuld weil selten daemlich und immer noch vergesse ich: gib einem Mexikaner die Gelegenheit, dich zu bescheissen, und er wird dich bescheissen.
Hrmpfh.

Naja. Zumindest bin ich gut in San Miguel de Allende angekommen, vom Schloss ins Hostal Alcatraz, ahahaha. Nur so, falls ihr nie wieder von mir hoert, koennt ihr ja vielleicht dieser Spur nachgehen. Kleiner Scherz.
Ansonsten alles klar, coole Landschaft, ziemlich heiss hier, falls ich mal wieder einen BC mit funktionierender Tasatur entdecke, scheib ich mehr.

P.S. Gerade erreichen mich die neuesten brandaktuellen News aus Toluca: Die neue Lehrerin "Lisa Simpson in Alkoholikerformat" wird unter Umstaenden rausgekickt, weil: ZU UNGEPFLEGT. Ha-ha. Mal wieder geschafft, das Europaerklischee perfekt zu erfuellen jippi! Sie will ausserdem in Haengematte draussen im "Garten" schlafen. Sehr witzig, und herzlich willkommen in Toluca. Das geht vielleicht in ihren Traeumen, aber in Toluca passiert folgendes:
1. sie erfriert
2. sie wird umgebracht. Naja oder zumindest ausgeraubt. Hrmmmm.

Mittwoch, 29. März 2006

Todmuede in Guanajuato

Bin wieder unterwegs - komisch ist das...

Guanajuato ist super cool, bestimmt noch viel cooler, wenn man nicht alleine unterwegs ist. Klima ganz anders, Leute ganz anders, fuehl mich bischen wie in Regensburg hier.
Und wohnen tu ich echt in diesem Schloss.

Hey und hier im Internetcafe kommt grad Aerzte !!!!!! Und jetzt Fanta 4 – sie ist weg! Wo bin ich hier ? Was geht?? Prinzen – der Mann im Mond.. Die sind irre hier, anscheinend.
Na, wenn das kein gutes Zeichen ist.

Bald mehr;
uebrigens kann ich grad aus irgendwelchen Gruenden keine Emails schreiben. Sorry.

"Wohnung vorhanden" auf Mexikanisch

Gestern ist die zweite neue Lehrerin angekommen. Anscheinend vollkommen ueberraschend fuer alle. Ahhhh! Eine neue Lehrerin! Bis vorgestern hat naemlich noch keiner gewusst, wo sie eigentlich schlafen soll. Coole Verdraengungstaktik ist das. Deswegen haben Carlos und Sergio in letzter Sekunde und in schoener Eintracht eine "Tuer" an einen winzigen, bisher ungenutzten Raum neben meinem alten Klassenzimmer angebracht. "Tuer" heisst: eine Art Plastik-Vorhang, bei dem auch in geschlossenem Zustand ein Spalt frei bleibt. Ihr "Bett" ist eine Luftmatratze mit Loch. Herzlichen Glueckwunsch! Sie schlaeft also quasi direkt im Unterrichtsraum. Ist zwar nur fuer 2 Monate (bis Kerstin weg ist), aber ich haette trotzdem ueberhaupt keinen Bock da drauf. Privatsphaere quasi nicht existent -- da bin ich in meiner Luxus-Bibliothek noch echt gut weg gekommen (immerhin Tuer).

Naja. Sie ist lustigerweise angekommen, als ich gerade mit meiner alten Gruppe gespielt hab. Kerstin hat eigentlich unterrichtet, aber sie haben mich zum Spielen ruebergeholt, und lustig wars. Jedenfalls ist ihr "Zimmer" direkt gegenueber von diesem Klassenzimmer, und zu allem Ueberfluss kann man auch noch voll reinschaun. Wir hatten also 6 pubertierende Jungs, die an der Fensterscheibe geklebt sind und aufgeregt waren und "hey sie hat ja gelbe Haare! So gelb wie die Simpsons!" geschrien haben.
Ohne boese sein zu wollen, hat sie auch ein bisschen Aehnlichkeit mit Lisa in Alkoholiker-Version. Aber sie scheint wirklich nett zu sein.

Dienstag, 28. März 2006

Arbeitslos

So. Frau Braun ist mal wieder arbeitslos - ein komisches Gefühl ist das. Jetzt schlafe ich in der staubigen Bibliothek, hatte gestern Abend beim Einschlafen die Vision von Milliarden von Hausstaubmilben, die sich gerade einen Weg in meine Nase bahnen und es sich dann in meinen Atemwegen und Schleimhäuten gemütlich machen.

Wie war euer Wochenende? Meines war ganz unspektakulär, aber sehr gemütlich. Gar nicht so, wie ich mir "mein letztes Wochenende in Toluca" vorgestellt habe. Am Freitag Abend war ich Film anschauen, am Samstag von 07.00-09.00 hatte ich meinen endgültig letzten Unterricht. Am Samstag Abend war ich mit Carlos, Mauro und Ana Rommé spielen. Am Sonntag auf einem TaeKwonDo-Wettkampf, und nebenbei bin ich in die Bibliothek gezogen. Die neue Lehrerin ist jetzt in meinem Zimmer. Sie ist ein kleines Schaf, und eigentlich sollten wir sie ein bisschen an der Hand nehmen. Aber weder Kerstin noch ich sind gerade in der Stimmung... mich hat am Anfang auch keiner an der Hand genommen. Zu meinen Schülern hab ich auch immer gesagt, "man wächst mit der Herausforderung"..

Heute hab ich den letzten Papierkram im Büro geregelt - Julieta hat ohne zu zögern mein Arbeitszeugnis (das ich selbst geschrieben hab) unterschrieben (MANCHE MACHEN SOWAS, LORENZO), und hat mir gesagt dass mich hier alle ganz lieb haben und sich wünschen, ich würde hier bleiben.. Mann! So nett!! Eigentlich hab ich sie auch echt gern, mit ihren ganzen Neurosen... Julieta, Norbert, die 3 hyperaktiven Kinder..

Ein paar Schüler wollen eine Abschiedsparty für mich organisieren. Ha! Da bin ich aber mal gespannt, ob das klappt! Mexikaner und Organisation ist ja ein ziemlicher Widerspruch in sich. Aber auch wenn nicht (wovon ich ehrlich gesagt ausgehe): es zaehlt ja schliesslich der Gedanke..

Morgen fahre ich – wahrscheinlich – irgendwann – nach Guanajuato. Der Onkel von Arturo hat ein Hotel da, und ich hab mal gesagt, er soll fuer mich reservieren. Ich krieg einen Special Price.
Hab dann (danach, Naerrin) im Lonely Planet nachgeschaut, und es handelt sich um ein Top-End-Luxushotel in einem Schloss.
Na Servus... auf den Special Price bin ich gespannt.

Na ja, so ist das jetzt hier. Hier bin ich jetzt ohne Auftrag und Plan.
Es regnet gerade. Eigentlich wollte ich heute noch ganz viel über die mexikanische Geschichte schreiben. Aber eigentlich haben auch schon genug andere Leute darüber geschrieben.

Freitag, 24. März 2006

Abschied vom Montag-Mittwoch-Kurs

Abschied I – der letzte Unterricht

Oh nein, jetzt geht's wieder los. Zum wievielten Mal? sitze ich inmitten eines Chaos-Berges, der irgendwann einmal mein Zimmer war, und den ich innerhalb der nächsten paar Tage beseitigt haben muss — währenddessen versuche ich, meine letzten Klassen vorzubereiten und Lieder zu meiden, in denen irgendwas mit "ich verlasse das Land für immer" vorkommt.
Eine Kaltfront beherrscht Toluca in diesen Tagen, das bringt ein bisschen Deutschlandstimmung rüber. Und ich hab mich postwendend erkältet, bzw. angesteckt von Kerstin. Mein Hals fühlt sich an, wie wenn ein kleiner Mann drinsitzen würde, der kontinuierlich Säure an die Hals-Innenwände reibt. Buarrrrr ....kein schöner Gedanke.

Die letzten Tage waren seltsam, wie das immer so ist... am Ende wird alles noch mal ganz anders, alle Leute (und ich) spielen verrückt und überschlagen sich vor Nettigkeiten. Mir haben ungefähr 7 Leute angeboten, bei ihnen zu übernachten in den nächsten Tagen, weil ich am Sonntag mein Zimmer räumen muss. Alicia war gerade sogar richtig vehement und wollte mich sofort mitnehmen. Du musst! Du musst! Bitte! Ich bin sonst boese! Mist, was fuer ein daemliches Problem. Jetzt muss ich mir den Kopf drueber zerbrechen, wie ich ihre Gastfreundlichkeit ablehne, ohn sie zu beleidigen. Ich ziehe aber echt lieber in die Bibliothek ... das ist unkomplizierter, ich bin unabhängig, und vor allem sehe ich alle Leute weiterhin, wenn ich hier bleibe. Aber dummerweise wollen die das nicht verstehen!
Naja. Die Lehrerin zieht also am Sonntag in die Bibliothek – passt ja auch irgendwie.

Am Mittwoch hatte ich das letzte Mal Clase mit meinem süßen Mo-Mi-Kurs. Sie haben mir tatsächlich einen Kuchen mitgebracht, und Milch und Kaba (weil wir Minderjährige im Kurs haben)! Die werd ich echt vermissen, einen besseren Kurs als diesen (und meinen Samstags-Kurs) kann man sich echt nicht wünschen. Witzig, aber fleissig. ... wir haben lustige Sachen gespielt im "Unterricht", und danach sind wir Billard und Tischtennis-Spielen gegangen. Zumindest hab ich alle beim Tischtennis besiegt und der Siegestaumel hat meine Melancholie übertroffen.

Hmmmm.
Gestern ist die neue Lehrerin angekommen. Ehrlich gesagt, bin ich bereits eifersüchtig auf sie, weil sie komplett meine lieben Schülerchen übernimmt. MEINE! – Naja. Sie heißt Sonja, ist 23, kommt aus Chemnitz, hat noch nie unterrichtet und Julieta hat ein mulmiges Gefühl, weil sie offensichtlich nicht weiß, was Akkusativ ist. Ich bin gespannt. Kerstin ist schon grantig, weil Sonja mich gefragt hat, ob der Contador ihr Freund ist. HA HA HA HA HA! Da haben wir aber mal ins Schwarze getroffen, Mädele. Der Contador ist unser "Gutan Morgan! Eres Tu?"- Büroangestellter, der schlecht riecht aus dem Mund und aus sonstigen Poren, und der immer, wenn er sich unbeobachtet fühlt, mit seinem Gebiss spielt. Das Gebiss hängt dann leicht über die Lippe, und er macht schmatzende Geräusche. Quasi der ideale Kandidat für Kundenkontakt. Naja, wie auch immer- diese Vermutung hat mich zu hysterischem Lachkrampf gebracht und Kerstin zu einem verbissenen "du würdest dir noch wünschen, ich wäre deine Freundin"- Blick.
Wie gesagt, ich bin gespannt.

Gestern Abend nach der Clase mit dem Puma (der vorletzten! Hallelujah!!) hab ich mal wieder was Lustiges gemacht. Carlos, einer meiner Schüler, ist TaeKwonDo- Schwarzgurt, unterrichtet in einem dieser exklusiven Sport-Clubs, und hat mich zum Training eingeladen. Also hab ich gestern nach – Moment, 5 Jahren?, mal wieder TaeKwonDo trainiert. Das war cool! Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mich in meinem Leben auch auf eine Sportart konzentriert, anstatt Tausende anzufangen, überall "ein bisschen was" zu können, aber nirgends richtig gut zu sein. Naja, zu spät. Wie gesagt, Olympiaden kann ich eh nicht mehr gewinnen.
Heute hab ich übrigens blaue Füße von den Kicks, aber es hat echt Spaß gemacht.

Heute ist also mein letzter Arbeitstag an der Schule ! Noch 4 Stunden, und dann ist meine vielversprechende Lehrerinnenkarriere vorerst beendet. So schnell ...?
Das Unterrichten hier war definitiv das Beste der letzten 6 Monate; das hat mir selbst in den beschissensten Zeiten meine gute Laune zurück gebracht.
Und verglichen mit meinen anfänglichen kläglichen Unterrichtsversuchen, hab ich auch ganz schön viel gelernt.

Was meine Planungsfähigkeiten betrifft, so hab ich von den Mexikanern auch ganz schön viel gelernt. Sie fragen mich jetzt immer, "hey was machst du jetzt eigentlich nächste Woche?", und ich sag dann immer, "nächste Woche ist erst in 3 Tagen, Mann. Wie kannst du mich nur sowas Schwieriges fragen."

Mittwoch, 22. März 2006

Die Plaza Santo Domingo im D.F. birgt eine interessante Institution.

Frühlingsanfang!
Die Sonne scheint, die Luft riecht nach Blumen, die Vögelchen zwitschern... ich nehme stark an, das mit dem Frühling klappt in Deutschland mal wieder noch nicht so richtig..

Hier ist der Frühlingsanfang ein Feiertag. Nicht nur, damit die Leute in Ruhe nach Teotihuacán fahren und in weißen Gewändern die Energie der Sonne auf der Sonnenpyramide aufnehmen können, sondern auch, weil an dem Tag der Geburtstag von Benito Juarez, eines der ersten mexikanischen Präsidenten, ist.

Zur Feier des Tages war ich gestern mit einer meiner Ex-Gruppen beim Abschieds-Essen. Rossy, Kerstin, Tania und ihr Mann- ein kleiner, sehr verschmitzter, irgendwie "typisch mexikanisch aussehender" Kerl, der sehr gern und ziemlich talentiert lustige Geschichten erzählt. Und interessante Geschichten, die mich – mal wieder – erstaunt die Augen aufreißen lassen und mich kurz fragen lassen, eh, wir leben aber schon in derselben Welt, oder...?

Er sagt nebenbei, "du gehst einfach zur Plaza Santo Domingo und wirst Mexikanerin." Ich: "Häh?" Mexikanerin werden, das geht nämlich so: In dieser Plaza gibt es ein paar Büros (oder wie man das nennen mag), in denen man Folgendes kaufen kann:
Geburtsurkunde, Personalausweis, Lehrer-Credencial, Rechnungen, Studienabschluss. E-Technik, Bauingenieur, Recht, Wirtschaft... wenn man es sich leisten kann, gibt's ein Harvard-Examen für den Spottpreis von 4.000 Pesos (ca. 340 EUR). Das Gute an der Sache ist, dass sie sich auch ins System der Unis ein-hacken und man sogar ordentlich im Register verzeichnet ist. Ist das nicht schön? Wozu eigentlich studieren, ihr Idioten?

Jeder kennt jemanden, der sich einen Abschluss oder sonstwas in Santo Domingo gekauft hat; Rossy hat mir die klassische Geschichte "von einem Freund eines Freundes" (oder vielleicht in Wahrheit doch von ihrem Sohn) erzählt, der studiert hat, durch einen Unfall 6 Monate verloren hat und keine richtige Lust hatte, wieder ein Semester weiter unten einzusteigen- hey, da kaufen wir uns doch lieber das Diplom! Kostet auch nicht mehr als 2 Marken-Pullis in Santa Fe.

Ueber die Plaza weiß auch jeder Bescheid - die Behörden, die Regierung, alle — und keiner unternimmt was dagegen. Klar, wenn die Hälfte der Arbeiter dort Regierungsangestellte oder Polizisten sind. Wie praktisch!

Nur eine Website haben sie nicht. Hab extra nachgefragt.

OK, so weit, so gut. Hier in Mexiko läuft wirklich Vieles anders, und die kleine, naive Susanne vom Dorf vergisst das jeden Tag ein bisschen weniger. Den Führerschein kauft man sich. Ab 2 Uhr nachts darf man offiziell über rote Ampeln fahren, weil Anhalten nachts zu gefährlich wäre. Im D.F. gibt's in einer Straße alle paar Meter Leuchttafeln, auf denen steht: "Nachts auf keinen Fall an einer roten Ampel halten." Den blonden Norbert hält ab und zu die Polizei an, weil er "ääähh, mmmh, zu schnell abgebogen ist", und sie verlangen dann ein paar Hundert Pesos Sofortkasse-Strafe. Ausländerbonus..

So was prägt! Und man muss von so einem Auslandsaufenthalt ja auch was lernen. Wenn ich in Deutschland demnaechst einen "Blumenladen" eroeffne und mit meinem 911er (haha) und in Klamotten wie J.Lo zur Arbeit fahre, dann wisst ihr, was mein neuer Beruf ist.

Aber im Ernst: Man passt sich den Umständen an. Meine Aufenthaltserlaubnis läuft am 07.April ab. Doch Moment, ich bleibe ja bis zum 27.April... ach, was soll's. Interessiert eh keinen, und wenn doch, dann stecke ich dem Beamten am Flughafen eben 200 Pesos zu, und fertig. In dieser Hinsicht verlasse ich mich doch mal darauf, dass alles typisch mexikanisch läuft!
Besser, als noch mal ins Immigration-Office zu gehen und von dem schmierigen Typen am Schalter "angerufen zu werden", damit er mir sagt, wie viel es kostet, "dass er mir hilft".

Dienstag, 21. März 2006

Wir sind dreckig

Das hab ich zwar vor Monaten schon mal angesprochen, aber inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass ich das Thema etwas elaborierter behandeln kann. Nur falls ihr es vergessen habt:
Wir sind dreckig. Der Deutsche an sich, beziehungsweise der Europäer im Allgemeinen, ist eine außerordentlich schmutzige und unhygienische Spezies. Wir waschen uns nicht und stinken. Wir meiden Wasser. Und nein, diese Meinung vertreten nicht etwa nur Einzelpersonen.
Hauptsächlich basiert diese Überzeugung auf der Tatsache, dass sich die Europäer im Allgemeinen nicht täglich die Haare waschen. Klar, stimmt natürlich! Und manche meiner Freunde nicht mal alle zwei Tage, das weiß ich aus sicherer Quelle, ohne Namen nennen zu wollen (hehe). Aber wehe, man versucht so etwas zu sagen wie: "hey, es ist ungesund, sich täglich die Haare zu waschen." Das trau ich mich schon längst nicht mehr. "Zu häufiges Duschen ist ungesund für die Haut" = "ich stinke, und habe mir gerade eine Ausrede einfallen lassen, um diese Tatsache zu rechtfertigen."

Hm. Mittlerweile habe ich eine Art Paranoia entwickelt. Ich sitze dann bei Bosch und rieche verstohlen an mir. Oder frage meine Mitmenschen, ob sie Transpirationsüberschuss an mir feststellen. Oder verkünde lautstark im Büro, "HALLO! NUR, FALLS IHR IRGENDWIE DARAN ZWEIFELN WÜRDET: HABE ZWAR KEIN GAS, ABER HABE KALT GEDUSCHT. Oder wasche mir um halb 6 in der Früh die Haare, um den Ruf der Europäer wieder ein bisschen ins rechte Licht zu rücken. Ich weiß nicht warum, aber anscheinend haben sie hier ein bißchen schlechte Erfahrungen gemacht. Man sagte mir, die meisten früheren Lehrerinnen waren fürchterlich ungepflegt. Die eine hat sich nie gekämmt und war immer wirr angezogen. Die andere war so schmutzig, dass (so geht die Legende) "es den Männern vor ihr gegraust hat, als sie sich nackig gemacht hat." Und die dritte hat so gestunken, dass sich sogar Schüler über ihre Ausdünstungen beschwert haben. Neulich hab ich erfahren, dass Kerstin und ich SECHS MAL mehr Gas verbraucht haben als dieses Mädel.

Puh. Da bin ich aber froh. Ich lass demnächst das Wasser immer ein bisschen länger laufen, dann wird's noch mehr.

Ratet mal, wer das Bild mit dem querliegenden Kopf gemalt hat


Da waren wir in einer Kneipe, in der man zum Getraenk ein Blatt und Stifte kriegt, und die Bilder haengen sie dann auf.
Wobei ich irgendwie bezweifle, dass sie unsere aufhaengen.

Valle III – Die gute Seite

Servus! (Das lerne ich gerade allen meinen Studenten; muss ja noch ein bisschen was fuer ihre bayerische Bildung tun, wenn naechste Woche schon die neue auch-Ossi-Lehrerin anfaengt ...

Ein bizarres, aber gutes Wochenende war das.

Am Freitag Abend hab ich zuerst mal wieder kräftig gehadert. Mein Bosch-Schüler (der Nette) hatte Geburtstag, ich hab ihm gratuliert, er, "also, wir gehen dann heut Abend weg, und du musst unbedingt mitkommen. Ich ruf dich später an!" Ich, in festem Vertrauen, hab alle anderen Freitag-Abend-Gestaltungsmöglichkeiten abgesagt, mich in mein Zimmerchen gesetzt, und gewartet. Und gewartet, und gewartet... und er hat nie wieder angerufen.
Dann hab ich mir gedacht, diese Sch.... Mexikaner können mich langsam mal. Ständig passiert sowas! Was bedeutet Freundschaft eigentlich für die? Was soll das? Sie sind so egoistisch und schaffen es nicht, sich in eine andere Person hineinzuversetzen, oder bzw., es ist ihnen einfach scheißegal. Wahrscheinlich ist hier auch keiner blöd genug, um sich wirklich auf andere zu verlassen.
Außer mir. Bin ich naiv, bin ich diejenige, die falsch liegt? Vielleicht erwarte ich viel von den Leuten, aber ich glaube nicht, dass es zu viel ist. Man muss doch den Leuten Respekt und Ehrlichkeit entgegen bringen. Und ich muss mich doch verlassen können auf das, was sie sagen. Ich sage allen hier immer, also meine Familie und meine Freunde in Deutschland sind anders. Auf die kann ich mich zu 100% verlassen, egal was passiert. Sonst wären es ja nicht meine Freunde (und meine Familie sowieso). Das Verhalten der Leute hier zueinander könnte ich nicht akzeptieren, so will ich nicht leben. Surround yourself with good people!
So. Schluss mit Predigen.
Ungefähr genau so hab ich ihm das am Samstag früh um 07:00 gesagt, als wir Unterricht hatten.

Natürlich hab ich mich im Laufe des Wochenendes wieder beruhigt. Ich hatte auch ziemlich gute Abwechslung ... gegen Abend bin ich mit Carlos und Mauro, zwei Schülern aus meiner Montag-Mittwoch-Gruppe, mal wieder nach Valle de Bravo gefahren. Wir haben ein bisschen gemalt, und sind so ungefähr bis um 06.00 früh weggegangen. Es sind ein paar interessante Sachen passiert, zum Beispiel: Wir sind irgendwann von einer Disko zur nächsten gegangen, als ein besoffener, fertiger Typ gekommen ist und uns angequatscht hat. Mauro ist dann mit ihm ums Eck gegangen und erst nach guten 15 Minuten wieder gekommen. Als er uns erzählt hat, was passiert ist, hab ich kurz geschluckt: Der Typ hat gesagt, "ich hab eine Pistole. Und ich hatte gerade Streit mit jemandem. Hast du keine Angst?" Mauro hat dann "bleib locker Mann ich bin dein bester Freund" gespielt und ihm glaubhaft versichert, dass es keine gute Idee ist, jemanden zu erschießen. Und dass wir eh gerade ausgeraubt worden sind und kein Geld mehr haben. Dann hat er sich verzogen. Waa! Ich war mir nicht direkt dessen bewusst, dass wir uns eventuell in einer etwas uncoolen Situation befinden.
Aber ist ja mal wieder gut ausgegangen, und alles in allem war es wirklich sehr lustig.

Das mit den Jungs und wie die beiden sich mir gegenüber und gegenseitig verhalten haben, hat mir wieder gezeigt, dass nicht alle hier unzuverlässige Egoisten sind. Das war gut.
Und als ich in Toluca die Treppe zu meinem Zimmerchen hochgestiegen bin, stand ein Blumenstock vor meiner Tür, mit Entschuldigungskarten von meinem Bosch-Schüler, und er schreibt: damit du siehst, dass Freundschaft den Mexikanern doch was bedeutet.
Ach, schön. Dann war ich wieder mit der Welt versöhnt.

Donnerstag, 16. März 2006

Sonnenaufgang über Tollocan

Stimmung und Stuhlgang

Wie geht's euch in Deutschland? Ich habe zur Zeit das Gefühl, mich auf einem anderen Planeten, oder bzw. in einem Parallel-Leben zu befinden. Surreal, das - - wahrscheinlich deswegen, weil ich im Moment über jede Sekunde hier tausendmal nachdenke. Ich habe oft komische Träume von Deutschland, aber mein Alltag ist mittlerweile, als ob ich nie irgendwo anders gelebt hätte. Mir fällt nicht mal mehr auf, wenn ich Spanisch rede, dass es ja eigentlich eine Fremdsprache ist.

Zur Zeit könnte ich außerdem (ist euch bestimmt noch kaum aufgefallen, bei meinem momentanen Redefluss) platzen vor Energie. Ich könnte singen und tanzen und finde jeden Tag unglaublich cool und freue mich jeden Morgen, dass ENDLICH wieder ein neuer Tag angebrochen ist und ich wieder aufstehen darf und die Vögelchen singen und die Luft sirrt und ... ach ... Frühlingsgefühle! Das frühe Aufstehen macht mir rein gar nichts aus! Um 05:20 morgens klingelt der Wecker, der Vollmond scheint in mein Zimmer, und ich springe voller Elan und Frische aus dem Bett, laufe vergnügt mit meiner Thermos-Tasse Nescafe zum Bus, schaue mir den in 4 Decken eingemummten Busfahrer an, summe ein bisschen die mexikanischen Liebeslieder mit, die aus den Boxen dröhnen, setze mich neben ein paar dunkle, fertige Gestalten im Bus, laufe dann mit den Ratten zusammen durch den Müll zur Arbeit, und während ich Lieder singe, sehe die Sonne über den Gasflaschen der Nachbarfabrik aufgehen und denke, wie schön, hei, der Sonnenaufgang ..

Hey, ausnahmsweise keine Ironie. Ihr denkt jetzt wahrscheinlich, weh, jetzt hat sie also doch den Verstand verloren. Aber grämt euch nicht – das muss schlicht und einfach an der extremen Sonneneinstrahlung hier liegen. Das wirkt auf mich wie eine ganze Packung Antidepressiva intravenös. Oh Gott, ich hoffe, dass mir das in Deutschland wenigstens ein bisschen erhalten bleibt.

Und jetzt noch ein paar Worte zum Thema Stuhlgang. Die arme Kerstin ist seit gestern krank und hat einen Durchfall wie noch nie im Leben.. der Arzt hat ihr gesagt, sie soll bis Freitag (von Mittwoch bis Freitag!!) nichts mehr essen. Hey! Das ist mal eine gute Idee. Du hast Bakterien im Mastdarm? Dann lass die Viecher verhungern.

A propos verhungern, einen Tag vorher konnte ich Kerstin noch ausreden, eine prophylaktische Wurmkur zu machen. Das ist nämlich seeehr beliebt hier: die Kinder machen alle sechs Monate eine Wurmkur, nur so, falls man Würmer im Magen-Darm-Trakt hätte. Das heißt, die Leute gehen eigentlich davon aus, dass sich ununterbrochen ein paar Tiere den Weg durch halbverdaute Tortillas fressen, mmhh. Hat eigentlich nicht mal jemand erzählt, dass man fühlt, wie sie fressen?
Jedenfalls, die Mexikaner sind große Fans von "mal ein bisschen Antibiotika essen"; Folge ist, dass viele hier resistent sind und an Lungenentzündungen o.ä. sterben. Jetzt erst fangen die Leute anscheinend langsam an, die Antibiotika nicht mit beiden Händen auf die Straße zu werfen und unter den Leuten zu verteilen.

Aber zurück zum Thema Stuhlgang.. also meiner ist nach wie vor ganz hervorragend. Nur so, falls das zu den Informationen gehört, die ihr dringend noch von mir haben wolltet.. ganz so, wie es (lt. Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags, das hab ich doch im September schon mal erwähnt, ich mag den Titel) sein soll:

OK, OK, ich lasse es an dieser Stelle, die Konsistenz meines Stuhls im Detail zu beschreiben. Was ich sagen wollte: ist euch schon mal aufgefallen, wie oft das Wort "Scheiß-.." im Deutschen theoretisch verwendet werden kann (ich weiß, praktisch verwendet es keiner außer mir...) ?

 Als Verstärkung eines Adjektivs (scheißkalt),
 als Ausruf des Unmuts (Scheiße) bzw. als Verstärkung eines Ausrufs des Unmuts (Scheißdreck),
 als Abwertung eines Substantivs (Scheißarbeit, Scheißregen, ...),
 als feststehender verbaler Ausdruck der Gleichgültigkeit (scheiß drauf),
 als verbale Aufforderung (geh scheißen) (oder sagen das nur die Österreicher...?)
 als Verb im Partizip, metaphorisch (er hat verschissen),
 als Adjektiv (verschissenes / geschissenes XY)
 ... und bestimmt fehlen noch viele, viele weitere Anwendungsmöglichkeiten
 ... und mal ganz abgesehen von den verschiedenen Möglichkeiten, die uns eine Variation des Wortes "urinieren" bietet.

Mir ist das nur gestern eingefallen, weil: Meine Schüler (gestern war ich beim Bowling mit meiner Mo-Mi-Gruppe (ich hab verloren)) interessieren die groserías natürlich immer am allermeisten, und in diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass das mit "Scheiß-..." im Spanischen überhaupt nicht funktioniert; sie verwenden kaum Ausdrücke mit Fäkalien (dafür alles mit chingar). Wir verwenden dafür fast ausschließlich Ausdrücke mit Fäkalien... oder?
Hm.
Worin das wohl seinen Ursprung hat ...?

Ahh, der heutige Tagesgewinner der Kategorie "Saublöde Fragen stellen" ist...:
Ein Kerl, der gefragt hat:
Hat das Suffix "schaft" (in Wörtern wie Gemeinschaft, Gesellschaft, etc) eigentlich was mit SCHAF zu tun?
Ja, Mann. Ich bin mir sicher. gemein Schaf t auf jeden Fall. Auch plausibel klingt Mutter Schaf t.

Mittwoch, 15. März 2006

Cosmovitral Toluca - botanischer Garten

Der Puma - sagt mir, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, weil ich das hier aufschreibe. Sagt mir, das ist Dienst für die Menschheit.

Der Puma – ein elegantes, atemberaubend schönes Tier, das sich geschmeidig und behände bewegt und seinen Gegnern allein durch seine eindrucksvolle Erscheinung Respekt und Furcht einflößt. Er ist Herr seines Reiches und lässt sich von nichts und niemandem Angst einjagen. Kraftvoll und mit bebenden Waden setzt er zu einem gewaltigen Sprung ab, um seine Beute zu überwältigen, als plötzlich ...

... Moment, hat ja gar nix mit der Geschichte zu tun, die ich erzählen will.

"Der Puma" heißt wegen seinem Nachnamen so, und weil mir kein anderes passendes Tier eingefallen ist, das ihn adäquat beschreiben würde. Dass ich so was noch live erleben darf.. ich dachte ja immer, die Hälfte von dem Zeug, das sie immer erzählen, ist Legende. Aber jetzt! Darf ich! Endlich! Nach 6 Monaten Mexiko-Spaßaufenthalt ein waschechtes Exemplar der Sorte "nein-nein-nein-ich will nicht reflektieren und jeder Fortschritt bringt uns um" kennen lernen. Nicht, dass ich es besonders löblich von mir fände, über meine Schüler zu lästern.. aber ich halte es inzwischen für meine moralische Pflicht, euch von außergewöhnlichen Vorfällen, auch wenn es vielleicht keinen interessiert, zu unterrichten.
A propos Unterricht. Mein Text, zum 300. Mal "Ich heiße Susanne. Und wie heißt du?", als der Puma plötzlich aufschaut, sich am Kopf kratzt und sagt, "was ich wirklich nicht verstehe: Wieso kommt eine 28-jährige Frau freiwillig und aus Spaß nach Mexiko? Ich würde niemals aus Spaß nach Deutschland gehen, außer, wenn sie mich in der Arbeit dazu zwingen würden. "
Da hab ich doch erst mal geschluckt, ihm dazu gratuliert, dass er es in einem Satz nicht nur geschafft hat, mich als gesellschaftliche Außenseiterin in Mexiko zu positionieren, und sich damit dem Wohlwollen seiner ehemals geduldigen Lehrerin zu entziehen. Nein. Seine ehemals geduldige Lehrerin ist ab jetzt bestrebt danach, wo soviel Schlauheit herkommt, mehr Schlauheit zu Tage zu bringen.

Und da ist noch so einiges vorhanden.

Zitate des Puma:
• "Ich bin Macho. Aber guter Macho; ich bin es, um die Frau zu beschützen." – Ich: "Weil sie sich nicht selbst beschützen kann?" – Er: "Ja. Genau."
• "Manche Machos sagen einfach nur: 'So wird es gemacht, und zwar, weil ich es will.' Ich versuche zumindest, einen Grund zu finden, warum ich es so haben will."
• "Meine Frau wollte in Madrid 6 Monate ihren Master machen. Ich hab es nicht erlaubt. Was kann sie dort schon lernen, was sie nicht auch hier lernen kann? Zum Schluss kommt sie nur zurück und ist verwirrt und verloren. Und außerdem: In Madrid denken alle so wie DU." (zeigt anklagend auf mich).
• "Die Frauen in Mexiko achten ab 25 nicht mehr auf sich. Sie werden fett. Und damit der Mann trotzdem bei ihnen bleibt, hängen sie ihm ein Kind an."
• "Empfängnisverhütung ist schon eher Sache der Frau; schließlich ist sie diejenige, die danach das Kind hat. Ich weiß eigentlich nicht mal, wie ein Mann verhüten könnte. Ahh ja mit Kondom, aber das gefällt den Männern hier nicht so gut."
• "Die Idee in Mexiko ist, dass die Partner pur und rein in die Ehe gehen." – Ich: "Und ist das auch deine Meinung?" – Er: "Wäre schön gewesen, aber ich hatte schon 10 Freundinnen."
• "Meine Frau will oft nicht, dass ich mit Kumpels weggehe. Ich sag dann, während ich weg bin, hast genug Zeit, dich wieder zu beruhigen."
• "Ich erlaube meiner Frau nicht, in einen öffentlichen Bus zu steigen."
• "Hier in Lateinamerika sind die guten Männer (deutet auf sich) mit 25 alle schon verheiratet. Die übrigen haben große persönliche Probleme."

Praktisch jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, fällt so was in der Richtung raus. Natürlich hat er es eh schon längst verschissen. Aber er setzt jedes Mal noch eins drauf und ist auch noch richtig niederträchtig. Ich frage ihn, arbeitet ihr am Montag? (In vielen Firmen ist am Montag frei) Dann würde ich nämlich verreisen. Er: Nein nein, die Stunde wird dann zum Schluss nicht nachgeholt, und in zwei Wochen bist du weg. Die zwei Wochen kannst schon noch arbeiten." (Jetzt fahre ich wegen ihm nicht nach Acapulco)

Aber, und das versöhnt mich wieder mit der Welt, (und macht mir gleichzeitig Angst, denn diese Kombination ist gefährlich) ist er noch saudämlich. Und womit kommt ein kleiner Möchtegern-Macho gaaaanz schlecht klar? Wenn eine Frau ihm zu verstehen gibt, dass er was nicht kann.
Ratet mal, was mein neues Lieblingsspiel im Unterricht ist? Hei, das macht Spaß, und er läuft dann immer leicht rot an und ich sehe, dass er mir am liebsten an die Kehle springen würde.
Zum Beispiel gestern: Wir lernen Zahlen. Im Buch steht folgende unendlich anspruchsvolle zu vervollständige Zahlenreihe: 50 60 40 70 30 ... ? Er, nä, is zu schwer. Ich: "OK, ich geh dann mal nen Kaffee holen, und währenddessen kannst du noch ein bißchen nachdenken."

Xotchimilco - Ausflug



Die andere Seite des Spießes – über die Deutschen

Nationale Identität eines Landes ist schon seltsam. Noch seltsamer ist, wie das Land bzw. die "globalen Charakterzüge" seiner Bewohner vom Rest der Welt wahrgenommen werden. Wie sehen mich die anderen, und stimmt dieses mit dem Bild überein, das ich selbst von mir habe?
Bisher hab ich mich immer nur bemüht, die Kultur / das Denken / etc. der Mexikaner zu durchschauen. Heute stelle ich mir die Frage: Und wie sehen die uns?

Im Ausland ist man ja immer typischer als daheim. Beziehungsweise fällt es da mehr auf. Und ich, das kann ich jetzt mit dem Brustton der Überzeugung sagen: ich bin vollkommen typisch deutsch.

Kürzlich habe ich erfahren, dass ich für die Leute hier ein außergewöhnlich ruhiger, überlegter, schweigsamer, ja geradezu reservierter Mensch bin, der beim Sprechen seine Hände nicht verwendet. Interessant... Ehrlich gesagt finde ich, dass ich, seit ich mexikanischen Boden betreten habe, geradezu ununterbrochen am Texten bin. Ohne Unterlass REDE ich. Über alles, mit jedem, mitunter schwachsinniges Zeug, gerne auch zusammenhangslos, weil es hier irgendwie Spaß macht zu reden. Aber für die Mexikaner bin ich also schweigsam..

Wenn die Leute irgendwas ueber "die Deutschen" erzaehlen, werd ich immer hellhoerig und pass gut auf, was sie sagen. Hier ein paar lustige verallgemeinernde Aussagen, die ich gehört habe:

Punkt Eins: Die Deutschen sind ernst und reden nicht.
Beispiel a) Geh auf eine mexikanische Feier, auf der du keinen kennst, und danach kennst du mindestens die Hälfte der Leute. Geh auf eine deutsche Feier, auf der du keinen kennst, und du wirst auch danach keinen kennen. Und wenn du jemanden ansprichst, denkt er entweder 1) du willst Sex, oder 2) du bist komisch.
Beispiel b) In der Arbeit. Mexikaner zu Deutschem (mit Begeisterung): "Eh que onda guey, qué pasó, wie geht's, was geht ab, was machst'n...?" – Deutscher (mit stumpfem Blick): "Arbeiten."

Punkt Zwei: Die Deutschen wollen immer, dass man irgendwas lernt.
"Frag einen Deutschen, wie funktioniert xy?, und er sagt, das steht auf Seite 5 im Handbuch. Das beantwortet aber nicht die Frage, Mann! Sie denken kompliziert und machen sich das Leben schwer."

Punkt Drei: Gib einem Deutschen eine Herausforderung, und er freut sich. Die Deutschen lieben Herausforderungen.
Ich dusche seit 2 Wochen mit kaltem Wasser, um herauszufinden, ob ich es schaffe, keinmal mehr Gas zu tanken vor meiner Abreise. Nur so zum Beispiel.
Wobei, das ist eigentlich keine Herausforderung, sondern schlicht bescheuert. Naja, Schwamm drüber.

Punkt Vier: Die Deutschen planen gerne.Und gehen so sehr auf in ihrer Planungswut, dass sie in der Zukunft leben und auf diese Weise die Gegenwart verpassen.
Hmmmmmmmmm.

Punkt Fünf: Die Deutschen regen sich sehr schnell auf.
Situation: Susanne steht an der Straße und wartet auf den Bus. Bus kommt in hohem Tempo angefahren, Fahrer sieht Susanne. Fahrer öffnet die Tür, bremst auf 30km/h herab und ... fährt weiter! Susanne läuft rot an und schreit Busfahrer pinche pendejo de la chingada, o.ä., nach. Andere wartende Fahrgäste treten zurück und warten, plaudernd, auf den nächsten Bus.

Punkt Sechs: Die Deutschen sind in emotionalen Fragen trocken und kalt.
Auf Spanisch hört sich Folgendes keineswegs besonders dramatisch an: "Mein Leben. Meine Liebe. Mein Himmel. Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ich sterbe ohne dich. Ich atme dich. Du Herrin meiner Seele. Lieber sterbe ich, als einen Tag ohne dich zu sein. Ich sterbe um deine Lippen zu berühren. Etc.
Jepp, dagegen sind wir trocken. Das auf Deutsch, und wir langen uns ans Hirn und trollen uns.
(Das ist übrigens bei mir im Kurs rausgekommen, als wir das Lied "Amelie" besprochen haben)

Punkt Sieben: Die Deutschen befolgen gerne Regeln und Gesetze.
Schüler sagt, die Regeln werden auch dann befolgt, wenn sie keinen Sinn machen. Es steht zum Beispiel eine unsinnige Regelung in einem Handbuch. Der Mexikaner sagt, ahh, scheiß drauf. Der Deutsche sagt, aber es steht doch so im Handbuch.
Dazu muss man sich nur mal bei Bosch umschauen. Wir Lehrer dürfen keinen Kassettenrecorder in der Rezeption stehen lassen, weil es keine entsprechende Markierung dafür gibt. Markierung! Jeder, und ich meine, JEDER Gegenstand (Tisch, Stuhl, Buch, PC, etc... Gegenstand steht exakt in seiner weißen Markierung. Wo keine Markierung, da auch kein Gegenstand.
Na ja, aber so die eine oder andere Regel hat doch ihren Sinn... auch wenn sie hier eher "Vorschläge" sind, wie zum Beispiel eine rote Ampel. Man könnte theoretisch stehen bleiben.

.........

Viele Gewohnheiten, die für uns Deutsche vollkommen normal sind und nicht hinterfragt werden, sind für die Mexikaner die seltsamsten Sachen der Welt. Na ja, ich find mich nicht seltsam. Aber trotzdem: ab und zu würde es uns wahrscheinlich echt nicht schaden, die Dinge ein bisschen entspannter, humorvoller und weniger bollisch anzugehen. Oder was meit ihr so?

Montag, 13. März 2006

Xochimilco heißt nicht "Kotschimilco", Lehrerin, sondern "Sotschimilco"

Mein erster Schulausflug! Am Samstag sind wir nach Xotchimilco gefahren; (Meine Kurse haben gebrüllt vor Lachen, weil ich "Kotchimilco" gesagt habe, und reiben es mir bei jeder Gelegenheit unter die Nase.) wir, das heißt: Die Chefs mit ihren drei Kindern, die zwei immergrantigen Nachbarsmädels (ich kann sie eigentlich nicht ausstehen), ungefähr 10 minderjährige Schüler, die ich nicht kenne, und mit denen ich auch nicht geredet habe (diese Deutschen – reden nie), und 5 meiner Schülerchen: Ana, Cynthia, Gersain, Carlos und Mauro. Das war ein ganz schöner Ausflug! Xotchimilco, Náhuatl für "Ort der Blumen", ist ein Stadteil in Mexico-City im Süden. Früher war das alles See, und die Azteken haben künstliche Kanäle angelegt und die Erde als fruchtbares Farmland verwendet. Die Kanäle sind zum Großteil noch erhalten, und auch heute noch gibt es eine Reihe von Gewächshäusern am Ufer, in denen vor allem Blumen gezüchtet werden.
Wir haben uns also alle auf eines dieser lustigen bunten Boote (trajinera) gesetzt, sind im Schneckentempo duchs Wasser geschippert, haben nett geplaudert, die Kinder davon abgehalten mit Eiswürfeln "Eiskrieg" zu spielen und typisch mexikanisch gegessen: Carnitas (Fleischstücke in Tortilla, plus – natürlich – Salsa, Chili und Lemon), Gurken, ein anderes komisches undefinierbares Gemüsezeug (wässrig, weißlich, erinnert ein bisschen an Kohlrabi, und man isst es – natürlich – mit Chili und Lemon), Sandwiches und Dosenbier. Mann, gebt mir mittags um 12 in der Sonne ein bisschen Dosenbier, und ich höre nie wieder auf zu reden. Also, das war lustig. Und endlich, ENDLICH, hat Gersain uns was vorgesungen: er ist ja Mariachi-Sänger. Auf diesen Kanälen schwimmen auch ständig Boote mit Mariachis rum; sie haben gespielt und Gersain hat dazu gesungen. Cool war das, und zum ersten Mal hab ich den Text von cielito lindo y eh.. zumindest zum Teil verstanden: aaaaay ayy ayy aaaaaa, caanta y no llores, ... ihr kennt die Melodie (sing ich euch später vor). Das war cool.
Wir hatten noch Zeit und haben einen kurzen Stopp in Santa Fe, dem superteueren Einkaufszentrum am westlichen Rand vom D.F., gemacht, und sind Kaffee trinken gegangen. Ich hab mich einfach totgelacht über die Kinder; das war so ein urwaldartiges Cafe mit brüllenden Gorillas, Vogelgezwitscher und einem schnappenden Plastik-Krokodil. Der kleine Franz hat einen hysterischen Anfall gekriegt, weil er gedacht hat, sein Bruder wird gefressen. Die sind alle drei hyperaktiv, aber echt süß.
Abends sind wir noch ins Kino und in eine Kneipe mit ein bisschen Live-Gitarrenmusik gegangen (anscheinend gibt es mehr gute Orte in Toluca/Metepec, als ich anfangs gedacht habe.....), Carlos, Mauro, Ana und ich.
Oh weh--- sie sagen jetzt schon alle, "Warum gehst du? Bleib!!" und ich werde ganz wehmütig und weiß, trotz Allem (ich meine, trotz dem ganzen negativen Zeug, das ich immer geschrieben und erzählt hab) wird mir der Abschied nicht leicht fallen.
Aber was mich unglaublich froh macht: Ich habe meine Mission erfüllt. Jetzt weiß ich, wie es ist, Deutsch zu unterrichten, und anscheinend mache ich es gar nicht so schlecht. Die Chefin hat mir allen Ernstes angeboten, dauerhaft in der Schule zu arbeiten. Und meine Schülerchen haben gestern gesagt, ich bin die beste Lehrerin, die sie je hatten....

Mein Gehirn implodiert jeden Augenblick vor lauter Mitteilungsdrang.

Wehmut fängt an, sich auszubreiten! Diese Mexikaner — jetzt bin ich noch 2 Wochen in Toluca, und jetzt fällt ihnen wieder ein, dass sie sich möglichst noch ganz oft mit mir treffen müssen, bevor ich verschwinde. Das ist das Gute am Ortswechsel: Bevor man geht, sind die Leute immer so nett zu einem. Wochenlang war ich quasi in Isolationshaft, keine Sau ruft mich an, hab nichts gemacht außer Schule – und letzte Woche hab ich sozialtechnisch mehr erlebt als in den vergangenen Monaten zusammen. Na ja, bin natürlich selber schuld irgendwie; die "Umstände" haben es einfach nicht anders erlaubt.

Mitunter halten es irgendwelche Leute für eine besonders tolle Idee, mit mir Business zu machen. Wie diese Pfeife F., mit dem ich am Dienstag weg war. Er ist ganz groß im toluqueñischen Gastro- und Club-Business unterwegs (Vorteil: jeder Gastwirt will ihm in den A.... kriechen und stellt ungefragt und kostenlos Getränke auf den Tisch). Er will mit mir als "socio" Tortillas und mexikanische Handwerkskunst nach München exportieren. Is recht. Im Lauf des Abends hab ich ihm Bier über seine blütenreine Jacke gegossen, und er wollte dass ich seine Freundin bin. Als ich dankend abgelehnt habe, hat er geschimpft und gesagt, dass ich ihn ausnütze. Ahahahahaha. Ich treff mich wohl nicht mehr mit ihm.
Am Donnerstag war ich mal wieder mit Bety, Pau und Beto weg; Beto hat (ungefragt und detailliert) mehrere Geschichten über verschiedene erotische Abenteuer aus seiner Vergangenheit erzählt. War ein lustiger Abend.

Heut (Sonntag) ist Wahltag! Kommunalwahlen. Folgende lustige Geschichte hab ich dazu erfahren: Es gibt hier in Mexiko das sogenannte "Ley Seca", das "Trockene Gesetz". Manchmal am Tag vor den Wahlen, bzw. am Wahltag selbst darf in keiner Kneipe und in keinem Markt Alkohol verkauft werden. So wollen sie verhindern, dass sich die Leute betrinken und am nächsten Tag zu verkatert sind, um zu wählen; oder sie haben Angst dass die Leute vor lauter Restalkohol im Blut vergessen, wen sie eigentlich wählen wollten. Oder an welche Stelle das Kreuz überhaupt muss. Das finde ich mal wieder eine typisch mexikanische Unglaublichkeit.

Wie Amores Perros, nur ohne Amores
Jetzt gerade, in diesem Moment, fängt die Meute wieder an zu bellen und zu jaulen. Ich weiß nicht genau wo, aber hier in der Gegend gibt es anscheinend eine Hundegang, die sich nachts trifft um zu kämpfen. Es sind so viele, und sie bellen und jaulen so laut, dass ich manchmal nachts davon aufwache und mich frage, ob sie nebenan vielleicht Hundekämpfe veranstalten, wie bei Amores Perros.

Und ich bin wieder LAUFEN GEGANGEN! Zum ersten Mal auf fast Zugspitz-Höhe bin ich 5 Kilometer gelaufen, hurra, hurra!! Danach war mein Kopf ungefähr so rot wie ein Bratapfel im Ofen, ich hatte 2 Stunden lang Magenkrämpfe, meine "gebrochene Zehe" war böse, und mein Knöchel ist heute noch geschwollen – aber das macht nix, und heut geh ich gleich wieder. Überhaupt macht es Spaß, immer dieselben Leute zu sehen. Meine Lieblings-Motivation ist eine ältliche Dame mit einem Hintern so groß wie der Estado de México und so hügelig wie das Alpenvorland, deren Sport folgende Aktivität ist: Langsames Gehen. Dazu hält sie, ich lüge nicht, einen weißen Ball in ihrer rechten Hand, und in ihrer linken ein Taschentuch. Nur Gott weiß (und vielleicht die Virgen von Guadalupe), was sie mit dem weißen Ball macht.

Freitag, 10. März 2006

Donnerstag, 9. März 2006

Lachen mit den Klassen oder über sie

Der Mexikaner an sich ist ja ein heiteres Kerlchen. Muss was mit der erhöhten Sonneneinstrahlung zu tun haben! Man lacht hier gerne, und ich, abgesehen davon, dass ich hier mehr rede als je zuvor in meinem Leben, lache eigentlich auch ständig.
Nun gibt es ja verschiedene Arten von Lachen: Mit jemandem lachen, über jemanden lachen, oder lachen, weil ich Kasper spiele und es cool finde, dass die anderen über mich lachen. Macht alles fast gleich viel Spaß.
Gestern im Kurs war zum Beispiel Fall Nr.1, als Carlos gelesen hat: "Baumhaus KG". Das ist nur lustig, wenn man Spanisch kann: ausgesprochen "KaGe" heißt das nämlich "cagué" – ich hab geschissen. In diesem Kurs sind 7 16-bis 21-jährige Jungs und 3 Mädels, und ihr könnt euch in Etwa vorstellen, wie die sich totgelacht haben darüber..
Fall Nr. 3 kommt auch öfter mal vor, weil es mir mittlerweile Spaß macht, Blödsinn zu erzählen oder absichtlich Wörter falsch zu verstehen ... und sie sind ein dankbares Publikum.
Jetzt, allerdings, kommt eine ganz neue Phase von Fall Nr. 2, was ja eigentlich ein bisschen fies ist. Mein neuer Schüler bei Bosch. 2 Stunden täglich. Er ist ein seltsames Kerlchen, 27-könnte-auch-38-sein, in Mexiko lebender und in Ecuador geborener Kolumbianer, nett und feinfühlig, sehr gute Beobachtungsgabe, aber, AAAABER, er ist ein harter Brocken. Das mit dem Deutsch könnte er wahrscheinlich auch gleich wieder aufgeben und seine Zeit sinnvoller verbringen (und ich schließe Kaffee trinken und schlafen als sinnvollere Beschäftigungen mit ein).
Die Sache ist nämlich die: der Gute hat in Etwa das Sprachgefühl eines Autoreifen. Da kommt auch Luft plus Geräusch raus, wenn man drauftritt, und es hat genauso viel mit deutschen Wörtern zu tun. Es handelt sich um 120 Minuten voller "ich beiße mich in die Backe, sonst brülle ich los vor Lachen"- Aktionen. Und ich bezweifle, dass es der Lernermotivation besonders zuträglich ist, wenn ich mich in den aller-aller-ersten Deutschstunden im Leben meines Schülers lauthals über ihn kaputt lache.... aber, ES GEHT NICHT ANDERS! Ich meine, es ist wirklich unglaublich witzig. Eine ganze Welt an nie gekannten Geräuschen. Gestern hab ich aufgeschrieben, was er alles gesagt. So:

Wer ist ... ? – Heer issen ...?
Wie heißt du? – Hiie beißen du?
Aber hier, der Klassiker: Die Variationen des Wortes "ich":
Itsch.
Ick.
Hin.
Inch.
HAAI.


Er bringt einfach alle Buchstaben und Laute vollkommen durcheinander, und ich muss dann leider lachen. Tränen lachen.

Ist das gemein? Ich finde eigentlich, dass das schon ok ist, weil: Man muss schließlich über sich selbst lachen können, und wenn man das kann, dürfen andere doch mitlachen ... oder ... hey, immerhin krieg ich es oft genug heimgezahlt. Erick hat sich gestern krank gelacht, als ich gesagt habe, ich wasche mich mit Schinken (jamón statt jabón). UND er hat mir offenbart, dass ich irgendwann mal ein Wort auf ziemlich lustige Weise verwechselt habe, und er so lachen musste, dass er schnell viele lustige Sachen erzählt hat, um mich zum Lachen zu bringen und mitlachen zu können, ohne dass ich es merke. ALSO! Machen alle!

Wobei das mit dem Spanisch mittlerweile ganz gut funktioniert. Das freundlichste Kompliment, das ich zu diesem Thema gekriegt habe: Du sprichst wie eine Mexikanerin mit Sprachbehinderung.

Die Haargel-Abteilung bei SuperCompras


So schauts aus. Haargel in Eimern für 9 Pesos. Dafür gibts KEIN DUSCHGEL. Ich schwör.

Dienstag, 7. März 2006

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Hahahab ich irgendwann kürzlich was von verdienter Siesta, Jogginganzug oder Ähnlichem geschrieben? Dass ich gar zu viel Zeit hätte? Vergesst es, Mann. Immer wieder dasselbe: kaum wage ich Derartiges zu schreiben, schon kommt mit einem leichten Schlag ins Gesicht die Erinnerung, dass die Winde sich hier rapide und sehr heftig drehen können. Gestern also die fröhliche Nachricht: Susanne, stell dir vor! Wir haben einen neuen Schüler bei Bosch! Du darfst ab jetzt zwei Mal täglich dort hin fahren!! ----
Da ist mir dann kurzzeitig mal die Zunge im Hals stecken geblieben, oder so, jedenfalls hab ich mich (die Deutschen! Immer regen sie sich auf) gscheit aufgeregt und gesagt, ich fühl mich ausgebeutet und ausgenutzt und überhaupt was der Mist eigentlich soll. Ich meine, 100 Minuten tägliche Odyssee zu Bosch reichen mir eigentlich. Aber das Ganze nochmal, das kann eigentlich nicht ihr Ernst sein. Ich verbringe dann quasi meine letzten Tage im Bus und auf staubigen Straßenwanderungen. Ich hab erst gestritten und dann resigniert, weil ändern kann ich's eh nicht, und für drei Wochen unterrichte ich von mir aus auch in dem Scheiß Bus, wenn es sein muss. Immerhin hat das frühe Aufstehen was Gutes: es riecht noch nicht nach warmer Sch... (das Wort schreibe ich eindeutig zu oft), sondern nach Eiern.
Wie auch immer, heute früh hab ich meinen beiden Chefs nochmal eine meinerseits relativ deutliche Einschätzung der Sachlage gegeben (ungefähr im Stil von "diese Arbeitsbedingungen sind zur Bildung einer positiven, freudigen Einstellung der neuen Lehrerinnen nicht förderlich"). Und siehe da! Meine weisen Worte fallen auf fruchtbaren Boden! Mit anderen Worten, ich bin gleich danach mit J. zum Motorräder-anschaun gefahren. Wenn es auch für mich vielleicht nicht mehr reichen wird, aber immerhin kriegen meine glücklichen Nachfolgerinnen allem Anschein nach ein Moto-Taxi, das find ich extrem cool. Hilft also doch ab und zu was, mit den Leuten zu reden.
Das machen die Angestellten hier anscheinend nicht so gern.
Die neuesten Ereignisse des Tages: die neue SEKRETÄRIN kommt mal wieder einfach nicht mehr!!! Es ist unfassbar. Von der Putzfrau, die vor ein paar Tagen EINMAL da war, 60Pesos von mir geklaut hat und dann nie wieder aufgetaucht is, red ich erst gar nicht.

Übrigens habe ich Folgendes bzgl. der Gehaltssituation in Erfahrung gebracht: Der Mindestlohn hier in Mexiko ist: 42 Pesos am Tag, d.h. ungefähr 2,30 EUR. Und davon leben Millionen Menschen.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder aufhören, mich zu beschweren.

Ex-Convento / Bet-Moeglichkeit im Markt / ohne Worte


Schon 6 Monate in Mexiko, und erst gestern hab ich mir einen Sombrero gekauft

Tatsächlich bin ich ungefähr genau vor einem halben Jahr hierher gekommen. Wie die Zeit vergeht ...
Währenddessen versinkt Deutschland im Schnee, das kann ich mir ja gerade gar nicht vorstellen! Ich sitze mit T-Shirt und Jogginghose am offenen Fenster in der Sonne, nachdem ich gerade meine Siesta beendet habe (eine verdiente, wohlgemerkt. Nachdem ich heut um 05:15 aufgestanden bin.)

Das Wochenende hat erst mal chaotisch angefangen: Freitag Nachmittag hab ich clase mit den Kindern. Auf einmal steht die Frau, die seit kurzem auch hier arbeitet, eine penetrante Stimme hat und von der ich bis heute nicht weiß, was eigentlich ihre Aufgabe ist, mit ihrem völlig verschüchterten Töchterchen an der Hand vor der Tür, reißt an ihrem Arm, als sie mich sieht, und meint, "Sag Hallo zur Miss!" Ich, "äh, wie, ich soll sie auch unterrichten?!" Kurzzeitig wollte ich keinen Zweifel daran bestehen lassen, dass ich wirklich keine Lust auf ein weiteres nasetriefendes, mich im Groben ignorierendes Monster in meinem Klassenzimmer hatte, das Kaugummis auf meine Bücher spuckt, den gelbgrauen Brei fröhlich mit der Zunge festpresst und wasserfeste grüne Filzstifte isst. Aber wie immer hatte ich keine Wahl. Diese Frau hat nur gesagt, "das ist Natalia. Das zurückgebliebene Gschau hat sie von ihrem Vater, aber sie ist gar nicht so blöd." Oh Gott, das kann heiter werden. 60 Minuten mit einem hyperaktiven Geschwisterpaar mit 5 und 8 Jahren, einer überfleißigen 8-Jährigen, und jetzt noch diese verschreckte 5-jährige, die wahrscheinlich meint, die zwei Jungs sind der Teufel in Person, und auch die komische, übellaunige Miss wird sie früher oder später in ein Tal der Schmerzen schicken.
Naja, kurz gesagt, wenn wir uns diese 60 Minuten auf die Straße gesetzt und einfach gewartet hätten, dass alle zusammen wieder abgeholt werden, hätten wir uns eine Menge Nerven erspart. Gelernt haben sie jedenfalls nix.
Am Samstag früh um 07:00 hat mich dann erst mal Erick, mein Bosch-Schüler, versetzt. Ich war rasend vor Wut. Die Kerstin hat mich auch noch verlassen und ist für 10 Tage nach Cancun geflogen, um sich dort mit ihrer Tante zu treffen. Das werden 10 langweilige Tage fuer mich, auch wenn ich gespannt bin, wie sich eine 71-jährige deutsche Dame und Milliarden schreiender Amerikaner kombinieren lassen.
Nachdem Erick nachmittags um Verzeihung gebeten hat, bin ich mit ihm Bier trinken gegangen. Er hat mich gefragt, was ich von der mexikanischen Gesellschaft halte. (Da ich heute bereits die Eingebung hatte, dass es mir überhaupt nicht zusteht, ständig rumzukritisieren, lasse ich das an dieser Stelle.) Was ich aber kurz erwähnen möchte: während der paar Stunden in dieser Kneipe sind mindestens 5 verrotzte, dreckverschmierte Kinder an unseren Tisch gekommen, die uns Kaugummis verkaufen wollten. Der letzte hat uns angefleht, ihm einfach 15 Pesos zu geben, damit er endlich aufhören und draußen auf der Bank schlafen gehen kann. So was macht mich immer ganz fertig. Ich fühle mich richtig schlecht, wenn ich "nein, danke" sage und weiter gemütlich an meinem Getränk nippe. Und frage mich, wie das die glücklichen vielleicht 20% der mexikanischen Oberschicht mental auf die Reihe kriegen, direkt zusammen mit der Armut zu leben. Heute hab ich dazu Folgendes in einem mexikanischen Roman gelesen: "Natürlich gab es überall in der Stadt Arme, die an Straßenecken oder am Eingang der Kirchen bettelten. Wie alle in ihren Kreisen hatte Emilia auch gelernt, die Existenz des Elends ohne schlechtes Gewissen hinzunehmen." So muss es wohl sein, anders geht's wahrscheinlich nicht.

Am Sonntag bin ich endlich ins Kloster gegangen, und zwar in den Ex-Convento San Miguel de Zinacantepec. Das Dorf Zinacantepec liegt, wie schon mal erwähnt, nur ein paar Busminuten von Toluca entfernt und heißt übersetzt "cerro de las murciélagos", "Fledermaus-Hügel". Früher lebte hier vor allem der Stamm der Olmecas.
A propos Kultur. Ab und zu fällt mir auf, wie kompliziert und tragisch eigentlich die Geschichte Mexikos ist. Vor wirklich nicht allzu langer Zeit gab es hier noch eine unglaubliche kulturelle Vielfalt, die durch die Eroberung der Spanier auf einen Schlag ausgelöscht wurde. Den Menschen, die nicht umgebracht wurden, wurde die Kultur, die Religion, die Sprache, das Land – alles, einfach, genommen. Man hat sich die heidnischen, also vorchristlichen, Götter angeschaut, hat den Götterbildern ein bisschen das Gesicht schwarz gemalt, und fertig waren die christlichen Gottesbilder, angepasst an die Bedürfnisse der dunkelhäutigen indígenas. Im Zuge dieser Christianisierung ist im Übrigen die in Mexiko kult-artig verehrte Virgen de Guadalupe entstanden. An anderer Stelle muss ich das ausführlicher erzählen; die Mexikaner sind geradezu besessen von ihr. Wehe, man sagt laut etwas gegen die Virgen – dann ist Schluss mit lustig ...
Aber zurück zur spanischen Eroberung, der Conquista. Dieses Ereignis war ein Trauma für das ganze Land, und zwar ein derartig heftiges Trauma, dass es sich über Generationen hinweg weiter getragen hat und immer noch, täglich, spürbar ist. Erick meint, daraus ergibt sich zum Beispiel die tiefe Melancholie der Mexikaner, die sie durch ihre vielen Feste und Feiern überwinden wollen.

Mmmh... an dieser Stelle ist mir das gesellschaftliche Trauma eingefallen, das Hitler und der 2.Weltkrieg in den Köpfen der Deutschen hinterlassen hat. Auch das geben wir von Generation zu Generation weiter. Nationalstolz ist noch immer ein gaaaaanz schwieriges Thema in Deutschland. Oder?

Ich war also am Sonntag mittag in Zinacantepec in diesem Franziskaner-Kloster aus dem 16.Jahrhundert. Ganz schön ist das, groß, weitläufig, mit schönem Klostergarten und spitzenmäßig erhaltenen Fresken an der Wand. Ich bin da ein paar Stunden rumgeschlichen und habe die Stille genossen. Auf dem Marktplatz (direkt daneben) war nämlich mal wieder das ganze Dorf in großer Aufruhr, Wahlkampfveranstaltungen mit obligatorischen Böllern, und ein paar Karusselle dazu aufgebaut. Es war also so ein Geschrei auf den Straßen, dass mir quasi gar nichts anderes übrig blieb, als ins Kloster zu fliehen. Wobei sich mir mal wieder das Thema "Susanne wird alt, bekommt graue Haare und ist inzwischen auch lärmempfindlich" aufdrängt; aber lassen wir das. Später natürlich Markt. Tote Hühner und Schweine in Massen, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, CDs und DVDs, Klopapierrollen, Strümpfe, getrocknete und gesalzene Schweinehaut (mmh Chicarrón), Chips mit Salsa, Tacos, dazwischen ein paar Vogelkäfige in der Sonne (mich wundert, dass die Vögel sich überhaupt noch bewegt haben), Hühner auf den Boden und schlafende, verfilzte Hunde, die um die Stände schleichen. Das ganze ist ein wallendes Chaos aus Menschenauflauf auf zu engem Raum, schlechter Luft und lauter Musik. Aaaaber ich hab mir endlich einen Sombrero gekauft. Das mit den Sombreros ist im Übrigen kein Witz: die Männer haben die wirklich auf. Allerdings keine einzige Frau. Deswegen hab ich meinen Sombrero auch nur verschämt in der Hand gehalten, zumindest draußen auf der Straße.

Freitag, 3. März 2006

Wir lernen Deutsch, Teil IV

Klausuren korrigieren kann sehr lustig sein. Die Zitate hier stammen von meiner Lieblings-Überfliegergruppe, die manchmal sehr lustige Ideen haben.
Hier die Gewinner der verschiedenen Kategorien:

Zukunftstraum:
Meine Scholoss musst haben: Eine grosse Garten, einer grosser Garage einer Basketballarena. Und möchte ich ein Crossfire kaufen.

Ratschlag:
Gestern habe ich mir meine Zehe gebrochen. An deiner Stelle würde ich sofort zum Zahnarzt gehen.
Oder:
Du solltest mehr Sport machen weil du bist sehr fatt.

Film:
Mein Lieblingsfilm heisst "Das letze Einhorn" ist ein Roman adaptiert für Kinder über einen wüsse Könnig, und seine kranke Liebe für Einhörner. Er möchte die Ganze Einhöner in eine meer haber aber es gibt ein letze Einhorn und er kann ihn nicht haben. Das Einhorn hat ein Magier kennen, und er hat das Tier helfen. Amende der könnig ist sterben, und die Einhörer sind frei, aber das letze Einhorn ist Traurig. Weil es hat das wüsse sehen und das Liebe kennen.

Gesellschaftspolitisches Statement:
In meiner Meinung, glaube ich die Frauen in Mexiko konnen nicht gut arbei, weil Manner denken, dass Frauen nich sehr schön und intelligent sind. Also denken Manner dass Frauen auch nich arbeite konnen. Diese Situation ist weil wir viele Machismo seit viel Zeit gehabt haben.

Geschichte:
Romeo hat gesagt, ich mag deine kussen

Doch hier! Es sollten Synonyme gefunden werden. Der absolute Gewinner der Kategorie "Kannibalismus"
Jemanden nicht mögen: wenn ich nicht jemand machen mochte als schlagen
Jemand ist mir gleichgültig: wenn ich ein Problem mit jemand habe als ein Hund haben oder nicht haben
Jemanden mögen: wenn ich jemand machen mochte als essen

Donnerstag, 2. März 2006

Das hier ist mein taeglicher Weg in die Arbeit

Mein neuer Stundenplan lässt meinen Körper schreien und meine Seele grinsen

Aach, ich wusste es, dass es früher oder später so weit kommt. Ab nächsten Montag ist mein Stundenplan folgendermaßen:

Montag bis Samstag von 07:00 bis 09:00 früh Unterricht; davon Montag bis Freitag in Bosch. Das bedeutet, ich muss TÄGLICH UM 5 UHR FRÜH AUFSTEHEN, um rechtzeitig um 7 in Bosch zu sein. Mich beruhigt der Gedanke, dass es nur noch 3 Wochen sind, und dass mir dann der Abschied von Toluca wahrscheinlich wieder ein klitzekleines bisschen leichter fällt. Es scheint mir leicht absurd, dass ich mitten in der Nacht aufstehen muss, um mich 50 Minuten in völliger Dunkelheit durch die dreckigste Gegend der Stadt zu bewegen, um Luftlinie maximal 5 Kilometer weiter entfernt anzukommen und erst mal 40 Minuten gemütlich zu plaudern. Die Schule kassiert dafür eine Wahnsinnssumme, und ich Idiotin muss ans Ende der Welt fahren, hab gar nix davon und muss sogar die 5 Pesos pro Busfahrt selber zahlen (immerhin 200 Pesos pro Monat). Ausbeutung. Überall auf der Welt dasselbe.

Aber hey, immerhin trainiere ich mich. Nur kaltes Wasser allein (im Übrigen das verdammt noch mal kälteste Wasser, das je meine Haut berührt hat, abgesehen von diesen Wassertretbecken in Bad Gögging oder wie die auch immer heißen) ist ja schon keine Herausforderung mehr.

Na gut, sprechen wir über Bosch. Ach, ich wusste es, dass es noch ein paar Geschichten über Bosch zu erzählen gibt! Folgendes passiert anscheinend, wenn man in Mexiko auf eine deutsche Firma trifft: ein Haufen halbherziger Pedanten, die so tun, als ob sie möglichst strenge Regeln aufstellen und verschiedenste Sicherheitsvorkehrungen treffen, die aber in typisch mexikanischer Manier von jedem Laien-Messerstecher problemlos übergangen werden können. Gewagte Behauptung, aber klingt gut. (Oder?)
Und so schaut mein klassisches Abenteuer aus:

Susanne's Wege im Bosch – Wunderland
Die Anreise ist bereits eine halbe Odyssee, auch wenn sie mir nachmittags nichts ausmacht. (Nächste Woche werde ich fluchen und mit den Zähnen knirschen, wenn ich diese Prozedur mitten in der Nacht machen muss.) Ich laufe erst mal 10 Minuten hoch zum Tollocan und steige in einen verdreckten Bus mit kostenloser Ranchero-, Salsa- oder Schmusepopmusikbeschallung in Volllautstärke. Wenn ich Kaugummis, Batterien, Eis, Drogenabhängigkeitsinformationszettel oder Haargummis kaufen will, so ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Ca. 25 Minuten später steige ich aus, und dann folgen 10-15 Minuten Laufen durch die verdrecktesten und stinkendsten Straßen, die man sich vorstellen kann. Es ist viiiiiel Verkehr und stinkt wahlweise nach Säure oder warmer Scheiße (Entschuldigung) - Industriegebiet halt. Ich frage mich, ob ich Schleimhautentzündungen kriege oder Asthma, bevor ich Bosch erreicht habe. Während ich auf einem staubigen, müllverdreckten Weg entlang der Straße laufe, zähle ich mit, wie viele Bauarbeiter / Busfahrer o.ä. mich anhupen – mir nachpfeifen - mir "ay mamita" ins Ohr flüstern – aus dem Fenster winken, etc. Durchschnittlich 6-7 während dieser 15 Minuten (das liegt nicht etwa an meiner atemberaubenden Schönheit. Die machen das auch, wenn ein greisliches übergewichtiges Schwabbelmonster an ihnen vorbeiläuft – Hauptsache WEIBLICH). Manchmal ärgert / nervt mich das ein klein wenig und ich will toben und schreien, aber wenn es zu absurd ist, lache ich laut los (laut los, nicht lautlos) (was sie nicht gewöhnt sind).
Bei Ankunft bei "Robert Bosch Planta Toluca" trage ich mich zuerst in ein Büchlein ein, mit genauer Ankunftszeit, Grund des Besuchs, Herkunft, etc. Dann kriege ich einen Besucherausweis, für den ich eine Identifikation (irgendeine Identifikation) als Pfand hinterlegen muss, und auf dem folgender freundlicher Hinweis gedruckt ist: "Willkommen bei Bosch, wo die Sicherheit unserer Mitarbeiter an erster Stelle steht. Im Falle eines Notfalls bleiben Sie bitte ruhig." Hah, jetzt freu ich mich aber schon tierisch auf meinen Besuch! Die nette Empfangsdame gibt mir zudem einen Schlüssel für ein Unterrichtszimmer, und einen nicht funktionierenden Kassettenrecorder. Danke. Erster Schritt geschafft, raus aus dem Rezeptionsgebäude. Ich betrete die erste Fabrikhalle, in der es (echt) 37°C hat und stinkt. Und werde fast von einem rasenmäherartigen Teil überfahren, da ich natürlich nie INNERHALB DER WEISSEN LINIEN laufe. Man darf nämlich nur einen Teil des Fußbodens betreten. Innerhalb–der-Linien. Raus aus dem ersten Gebäude, ein bisschen an der "frischen Luft" bis zur nächsten Halle. Uh, ich übertrete die Regeln! Ich pfeife! In Bosch darf man nämlich nicht pfeifen, wie konnte ich das nur vergessen. Abgesehen davon darf man auch nicht rennen, aber das würde mir ja nicht im Traum einfallen. Rein ins zweite Gebäude, und spontan übertrete ich wieder 3 Regeln auf einmal. 1.besagte Linien, 2.ich besitze keine Sicherheitsschuhe (falls einem das rasenmäherartige Teil einmal über die Fußspitze fahren sollte, wäre man zumindest durch eine Stahlkappe optimal geschützt), und 3.ich besitze keine Sicherheitsbrille. Macht nix, ich gehe auch nur schnell die Treppe hoch zum Klassenzimmer. Nächster lustiger Stopp: die Kaffeemaschine. Default-mäßig sind ja alle Lebensmittel in Mexiko stark gesüßt. So auch der Kaffee. Wenn ich nicht extra Bescheid sage, kriege ich ein Zuckerwasser in kackbraun. Also drücke ich vorher die Taste "ohne Zucker", und tatsächlich erscheint auf dem Bildschirm der Hinweis: "BITTER"!! Ich lache mich tot. Vorsicht, der Kaffee ohne ein Kilo Zucker schmeckt bitter! Na ja. Abgesehen davon, ich weiß nicht wie, ist mir auch der bittere Kaffee noch zu süß. Aber Schwamm drüber. Jetzt geht der Unterricht los, der gottseidank mit meinem Schülerchen sehr entspannt ist. Ich hoffe nicht aufs Klo zu müssen, weil ich mir sonst erst von irgendeiner Dame einen Schlüssel geben lassen muss. Mann.
Aber mein lustiger Aufenthalt ist schon fast zu Ende, ich muss nur noch zurück zur Rezeption, meine Austritts-Zeit "bitte-auf-die-Minute-genau" im Büchlein angeben, und fertig. Wenn ich Glück habe, begegne ich wieder ein paar halbglatzköpfigen hässlichen Männern, bei denen sofort klar ist: Das müssen Deutsche sein. Die plaudern dann auf deutsch miteinander und kommen nicht auf die Idee, dass sie jemand verstehen könnte. Kürzlich sagt einer grinsend zum andern, während er seine Austrittszeit in das Büchlein einträgt: "Da schreib ich doch mal ne halbe Stunde länger rein, dann kann ich mir heute Abend ein Bier mehr leisten. Hö hö hö hö hö." Tja, die integeren Deutschen. Der Beschiss ist halt doch Nationalitäten-übergreifend. Wie auch immer, ich lache in mich hinein und verschwinde. Wenn ich sofort danach anderen Unterricht habe, dann wartet vor der Tür schon der Kamikaze-Taxifahrer meiner Wahl auf mich. Ich hab nämlich einen Deal mit einem Taxifahrer, der mich in mörderischem Tempo und quasi Dauer-hupend für 35 Pesos in 15 Minuten zurück zur Schule bringt. Und schon bin ich pünktlich zurück zum nächsten Unterricht, wo ich erst mal sage, "Mann, ich komm grad von Bosch. Plaudern wir doch erst mal ein bisschen."