Freitag, 24. März 2006

Abschied I – der letzte Unterricht

Oh nein, jetzt geht's wieder los. Zum wievielten Mal? sitze ich inmitten eines Chaos-Berges, der irgendwann einmal mein Zimmer war, und den ich innerhalb der nächsten paar Tage beseitigt haben muss — währenddessen versuche ich, meine letzten Klassen vorzubereiten und Lieder zu meiden, in denen irgendwas mit "ich verlasse das Land für immer" vorkommt.
Eine Kaltfront beherrscht Toluca in diesen Tagen, das bringt ein bisschen Deutschlandstimmung rüber. Und ich hab mich postwendend erkältet, bzw. angesteckt von Kerstin. Mein Hals fühlt sich an, wie wenn ein kleiner Mann drinsitzen würde, der kontinuierlich Säure an die Hals-Innenwände reibt. Buarrrrr ....kein schöner Gedanke.

Die letzten Tage waren seltsam, wie das immer so ist... am Ende wird alles noch mal ganz anders, alle Leute (und ich) spielen verrückt und überschlagen sich vor Nettigkeiten. Mir haben ungefähr 7 Leute angeboten, bei ihnen zu übernachten in den nächsten Tagen, weil ich am Sonntag mein Zimmer räumen muss. Alicia war gerade sogar richtig vehement und wollte mich sofort mitnehmen. Du musst! Du musst! Bitte! Ich bin sonst boese! Mist, was fuer ein daemliches Problem. Jetzt muss ich mir den Kopf drueber zerbrechen, wie ich ihre Gastfreundlichkeit ablehne, ohn sie zu beleidigen. Ich ziehe aber echt lieber in die Bibliothek ... das ist unkomplizierter, ich bin unabhängig, und vor allem sehe ich alle Leute weiterhin, wenn ich hier bleibe. Aber dummerweise wollen die das nicht verstehen!
Naja. Die Lehrerin zieht also am Sonntag in die Bibliothek – passt ja auch irgendwie.

Am Mittwoch hatte ich das letzte Mal Clase mit meinem süßen Mo-Mi-Kurs. Sie haben mir tatsächlich einen Kuchen mitgebracht, und Milch und Kaba (weil wir Minderjährige im Kurs haben)! Die werd ich echt vermissen, einen besseren Kurs als diesen (und meinen Samstags-Kurs) kann man sich echt nicht wünschen. Witzig, aber fleissig. ... wir haben lustige Sachen gespielt im "Unterricht", und danach sind wir Billard und Tischtennis-Spielen gegangen. Zumindest hab ich alle beim Tischtennis besiegt und der Siegestaumel hat meine Melancholie übertroffen.

Hmmmm.
Gestern ist die neue Lehrerin angekommen. Ehrlich gesagt, bin ich bereits eifersüchtig auf sie, weil sie komplett meine lieben Schülerchen übernimmt. MEINE! – Naja. Sie heißt Sonja, ist 23, kommt aus Chemnitz, hat noch nie unterrichtet und Julieta hat ein mulmiges Gefühl, weil sie offensichtlich nicht weiß, was Akkusativ ist. Ich bin gespannt. Kerstin ist schon grantig, weil Sonja mich gefragt hat, ob der Contador ihr Freund ist. HA HA HA HA HA! Da haben wir aber mal ins Schwarze getroffen, Mädele. Der Contador ist unser "Gutan Morgan! Eres Tu?"- Büroangestellter, der schlecht riecht aus dem Mund und aus sonstigen Poren, und der immer, wenn er sich unbeobachtet fühlt, mit seinem Gebiss spielt. Das Gebiss hängt dann leicht über die Lippe, und er macht schmatzende Geräusche. Quasi der ideale Kandidat für Kundenkontakt. Naja, wie auch immer- diese Vermutung hat mich zu hysterischem Lachkrampf gebracht und Kerstin zu einem verbissenen "du würdest dir noch wünschen, ich wäre deine Freundin"- Blick.
Wie gesagt, ich bin gespannt.

Gestern Abend nach der Clase mit dem Puma (der vorletzten! Hallelujah!!) hab ich mal wieder was Lustiges gemacht. Carlos, einer meiner Schüler, ist TaeKwonDo- Schwarzgurt, unterrichtet in einem dieser exklusiven Sport-Clubs, und hat mich zum Training eingeladen. Also hab ich gestern nach – Moment, 5 Jahren?, mal wieder TaeKwonDo trainiert. Das war cool! Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mich in meinem Leben auch auf eine Sportart konzentriert, anstatt Tausende anzufangen, überall "ein bisschen was" zu können, aber nirgends richtig gut zu sein. Naja, zu spät. Wie gesagt, Olympiaden kann ich eh nicht mehr gewinnen.
Heute hab ich übrigens blaue Füße von den Kicks, aber es hat echt Spaß gemacht.

Heute ist also mein letzter Arbeitstag an der Schule ! Noch 4 Stunden, und dann ist meine vielversprechende Lehrerinnenkarriere vorerst beendet. So schnell ...?
Das Unterrichten hier war definitiv das Beste der letzten 6 Monate; das hat mir selbst in den beschissensten Zeiten meine gute Laune zurück gebracht.
Und verglichen mit meinen anfänglichen kläglichen Unterrichtsversuchen, hab ich auch ganz schön viel gelernt.

Was meine Planungsfähigkeiten betrifft, so hab ich von den Mexikanern auch ganz schön viel gelernt. Sie fragen mich jetzt immer, "hey was machst du jetzt eigentlich nächste Woche?", und ich sag dann immer, "nächste Woche ist erst in 3 Tagen, Mann. Wie kannst du mich nur sowas Schwieriges fragen."

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