Mittwoch, 15. März 2006

Die andere Seite des Spießes – über die Deutschen

Nationale Identität eines Landes ist schon seltsam. Noch seltsamer ist, wie das Land bzw. die "globalen Charakterzüge" seiner Bewohner vom Rest der Welt wahrgenommen werden. Wie sehen mich die anderen, und stimmt dieses mit dem Bild überein, das ich selbst von mir habe?
Bisher hab ich mich immer nur bemüht, die Kultur / das Denken / etc. der Mexikaner zu durchschauen. Heute stelle ich mir die Frage: Und wie sehen die uns?

Im Ausland ist man ja immer typischer als daheim. Beziehungsweise fällt es da mehr auf. Und ich, das kann ich jetzt mit dem Brustton der Überzeugung sagen: ich bin vollkommen typisch deutsch.

Kürzlich habe ich erfahren, dass ich für die Leute hier ein außergewöhnlich ruhiger, überlegter, schweigsamer, ja geradezu reservierter Mensch bin, der beim Sprechen seine Hände nicht verwendet. Interessant... Ehrlich gesagt finde ich, dass ich, seit ich mexikanischen Boden betreten habe, geradezu ununterbrochen am Texten bin. Ohne Unterlass REDE ich. Über alles, mit jedem, mitunter schwachsinniges Zeug, gerne auch zusammenhangslos, weil es hier irgendwie Spaß macht zu reden. Aber für die Mexikaner bin ich also schweigsam..

Wenn die Leute irgendwas ueber "die Deutschen" erzaehlen, werd ich immer hellhoerig und pass gut auf, was sie sagen. Hier ein paar lustige verallgemeinernde Aussagen, die ich gehört habe:

Punkt Eins: Die Deutschen sind ernst und reden nicht.
Beispiel a) Geh auf eine mexikanische Feier, auf der du keinen kennst, und danach kennst du mindestens die Hälfte der Leute. Geh auf eine deutsche Feier, auf der du keinen kennst, und du wirst auch danach keinen kennen. Und wenn du jemanden ansprichst, denkt er entweder 1) du willst Sex, oder 2) du bist komisch.
Beispiel b) In der Arbeit. Mexikaner zu Deutschem (mit Begeisterung): "Eh que onda guey, qué pasó, wie geht's, was geht ab, was machst'n...?" – Deutscher (mit stumpfem Blick): "Arbeiten."

Punkt Zwei: Die Deutschen wollen immer, dass man irgendwas lernt.
"Frag einen Deutschen, wie funktioniert xy?, und er sagt, das steht auf Seite 5 im Handbuch. Das beantwortet aber nicht die Frage, Mann! Sie denken kompliziert und machen sich das Leben schwer."

Punkt Drei: Gib einem Deutschen eine Herausforderung, und er freut sich. Die Deutschen lieben Herausforderungen.
Ich dusche seit 2 Wochen mit kaltem Wasser, um herauszufinden, ob ich es schaffe, keinmal mehr Gas zu tanken vor meiner Abreise. Nur so zum Beispiel.
Wobei, das ist eigentlich keine Herausforderung, sondern schlicht bescheuert. Naja, Schwamm drüber.

Punkt Vier: Die Deutschen planen gerne.Und gehen so sehr auf in ihrer Planungswut, dass sie in der Zukunft leben und auf diese Weise die Gegenwart verpassen.
Hmmmmmmmmm.

Punkt Fünf: Die Deutschen regen sich sehr schnell auf.
Situation: Susanne steht an der Straße und wartet auf den Bus. Bus kommt in hohem Tempo angefahren, Fahrer sieht Susanne. Fahrer öffnet die Tür, bremst auf 30km/h herab und ... fährt weiter! Susanne läuft rot an und schreit Busfahrer pinche pendejo de la chingada, o.ä., nach. Andere wartende Fahrgäste treten zurück und warten, plaudernd, auf den nächsten Bus.

Punkt Sechs: Die Deutschen sind in emotionalen Fragen trocken und kalt.
Auf Spanisch hört sich Folgendes keineswegs besonders dramatisch an: "Mein Leben. Meine Liebe. Mein Himmel. Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ich sterbe ohne dich. Ich atme dich. Du Herrin meiner Seele. Lieber sterbe ich, als einen Tag ohne dich zu sein. Ich sterbe um deine Lippen zu berühren. Etc.
Jepp, dagegen sind wir trocken. Das auf Deutsch, und wir langen uns ans Hirn und trollen uns.
(Das ist übrigens bei mir im Kurs rausgekommen, als wir das Lied "Amelie" besprochen haben)

Punkt Sieben: Die Deutschen befolgen gerne Regeln und Gesetze.
Schüler sagt, die Regeln werden auch dann befolgt, wenn sie keinen Sinn machen. Es steht zum Beispiel eine unsinnige Regelung in einem Handbuch. Der Mexikaner sagt, ahh, scheiß drauf. Der Deutsche sagt, aber es steht doch so im Handbuch.
Dazu muss man sich nur mal bei Bosch umschauen. Wir Lehrer dürfen keinen Kassettenrecorder in der Rezeption stehen lassen, weil es keine entsprechende Markierung dafür gibt. Markierung! Jeder, und ich meine, JEDER Gegenstand (Tisch, Stuhl, Buch, PC, etc... Gegenstand steht exakt in seiner weißen Markierung. Wo keine Markierung, da auch kein Gegenstand.
Na ja, aber so die eine oder andere Regel hat doch ihren Sinn... auch wenn sie hier eher "Vorschläge" sind, wie zum Beispiel eine rote Ampel. Man könnte theoretisch stehen bleiben.

.........

Viele Gewohnheiten, die für uns Deutsche vollkommen normal sind und nicht hinterfragt werden, sind für die Mexikaner die seltsamsten Sachen der Welt. Na ja, ich find mich nicht seltsam. Aber trotzdem: ab und zu würde es uns wahrscheinlich echt nicht schaden, die Dinge ein bisschen entspannter, humorvoller und weniger bollisch anzugehen. Oder was meit ihr so?

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