Freitag, 31. März 2006

Kaum kehrt man dieser Schule drei Tage den Rücken zu, schon geht alles drunter und drüber

Also, passt auf. Ich sitze also gestern im Bus, ärgere mich über mein "100-Pesos-aber-dafür-fahren-wir-sofort-los"- Ticket (normalerweise wären es ca. 200 Pesos. Whoa. Bitte sparen wir 100 Pesos und halten dafür in jedem einzelnen mexikanischen Bergdorf zwischen Querétaro und Toluca. Die haben Namen wie "Santiago Coachochitlan" im Municipio Temascalcingo, ihr wisst schon, kurz vor Atlacomulco und Ixtlahuaca. Na ja, ich war schon froh, als ich festgestellt habe, dass ich mich offensichtlich doch nicht in einem Nachtbus befinde.
Ich sitze also im Bus und zähle Kakteen, als ich eine SMS von Sergio bekomme: "Wann kommst du wieder? Wir haben GROSSE PROBLEME in der Schule, und hoffentlich kannst du uns HELFEN." O weia, GROSSBUCHSTABEN. Wenn Sergio in Großbuchstaben schreibt, muss wirklich Tragisches passiert sein. Ich, "langsam reiten, was ist los und wie lange dauert die HILFE, ich hab schließlich heut noch EIN DATE." (Ratet mal, wer gestern Abend wieder versetzt worden ist (ja, ich muss auch auf meine Oma aufpassen) – aber das tut jetzt nichts zur SACHE). Er wollte aber nix weiter sagen, und dann hab ich im Kopf bereits verschiedenste Horrorszenarien durchgespielt und mir bereits einige Notfallpläne überlegt. Man weiß ja hier nie. Vielleicht ist der böse Mann von Immigration schon da und will eine Niere von mir.

Gegen 19:00 betrete ich also das Schulgelände, sehe drei aufgelöste Gestalten im Büro sich wie Kreisel um einander drehen. Da wollte ich erst mal im Hintergebäude aufs Klo gehen. Ihr wisst ja, wenn man mit voller Blase einen Autounfall hat, ist die Wahrscheinlichkeit größter, einen Schock zu erleiden. Ein Zusammentreffen mit furioser J. kommt einem Autounfall gleich, und einem Tag vor meiner großen Reise will ich schließlich kein Risiko eingehen.
Hintergebäude also. Schlüssel rein. Schlüssel passt nicht. Wie, passt nicht?? Heute ist Donnerstag. Am Dienstag habe ich die Schule verlassen, und sie haben bereits die Schlösser auswechseln müssen. Oh weh. Ich bereite mich auf das Schlimmste vor und betrete – mit voller Blase – das Büro. J telefoniert gerade, schmeißt aber, als sie mich sieht, den Hörer auf die Gabel und umarmt mich: "Susahahahahanne – du bist wieder da. Es ist so schön dich zu sehen. Bleib!!" Alle im Büro umringen mich und singen und tanzen fast und lachen, und ich denke leise bei mir, jetzt sind sie leider wahnsinnig geworden, und wollte gerade rückwärts wieder rauslaufen und wegrennen, als sie mich aufgeklärt haben.

Es ist also Folgendes passiert:

Die neu angekommene Lehrerin, nennen wir sie "Silvia", ist tatsächlich rausgekickt worden. Wegen: "Ihre Ungepflegte Hippi-Erscheinung" repräsentiert die Schule auf nicht gerade positive Weise (Ich würde es nicht Hippi nennen, sondern Lisa im .. ihr wisst). Ihr Freund verkauft übrigens geklaute Autos, aber das ist eine andere Geschichte. Sie geht jetzt nach Guadalajara zu ihm zurück.

Das Lustige kommt jetzt: Die andere Lehrerin, unser kleines Schaf, nennen wir es "Sonja", ihr wisst schon, das Schaf auf der Suche nach einem Mentor, geht AUS SOLIDARITÄT mit. Nach Guadalajara! Hahahahahahaha!!!!! Hey da hat mal jemand zweimal mit ihr gekocht und gesagt, "kommst du mit nach Guadalajara?", und das Schaf denkt sich, "Hmmm. Sie hat ja immerhin schon zwei Mal mit mir gekocht. Sie muss ein guter Mensch sein." Und schmeißt ihren Job spontan hin. Nach einer Woche.

Ihr gefällt die Stadt nicht, und sie fühlt sich überfordert mit dem Unterricht. Oh Heimatland. Mal abgesehen davon, dass sie meiner Meinung nach die moralische Pflicht hätte, zumindest eine Woche länger zu bleiben (jetzt steht die Schule immerhin ohne Lehrer da). Sie wollte offensichtlich nicht mit der Herausforderung wachsen, na ja...
Frage mich allerdings, was sie jetzt vorhat; ich würde mir ja fast Sorgen um sie machen: Ein echtes Schaf (und damit meine ich, noch viiiel naiver wie ich), ohne Geld und Job, ohne einem einzigen "Backup-Bekannten", dafür mit Alkoholiker-Lisa als Mentorin, in Mexiko. Und mit ihren Reisepass auf unserem Küchentisch.
Ich glaube nicht, dass sie sich der Tatsache bewusst ist, dass das ganz schön böse ausgehen kann.
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Update: Gerade habe ich gesehen: Sie sitzt heulend auf der Buerocouch -- hat sie nochmal Glueck gehabt...

P.S. Heute abend treffe ich mich mit "allen Schuelern" in der Tlanchana in Metepec zum Tschuess sagen. Bin mal gespannt, ob jemand kommt.
Und morgen fahre ich los Richtung Sueden...

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