Dienstag, 7. März 2006

Schon 6 Monate in Mexiko, und erst gestern hab ich mir einen Sombrero gekauft

Tatsächlich bin ich ungefähr genau vor einem halben Jahr hierher gekommen. Wie die Zeit vergeht ...
Währenddessen versinkt Deutschland im Schnee, das kann ich mir ja gerade gar nicht vorstellen! Ich sitze mit T-Shirt und Jogginghose am offenen Fenster in der Sonne, nachdem ich gerade meine Siesta beendet habe (eine verdiente, wohlgemerkt. Nachdem ich heut um 05:15 aufgestanden bin.)

Das Wochenende hat erst mal chaotisch angefangen: Freitag Nachmittag hab ich clase mit den Kindern. Auf einmal steht die Frau, die seit kurzem auch hier arbeitet, eine penetrante Stimme hat und von der ich bis heute nicht weiß, was eigentlich ihre Aufgabe ist, mit ihrem völlig verschüchterten Töchterchen an der Hand vor der Tür, reißt an ihrem Arm, als sie mich sieht, und meint, "Sag Hallo zur Miss!" Ich, "äh, wie, ich soll sie auch unterrichten?!" Kurzzeitig wollte ich keinen Zweifel daran bestehen lassen, dass ich wirklich keine Lust auf ein weiteres nasetriefendes, mich im Groben ignorierendes Monster in meinem Klassenzimmer hatte, das Kaugummis auf meine Bücher spuckt, den gelbgrauen Brei fröhlich mit der Zunge festpresst und wasserfeste grüne Filzstifte isst. Aber wie immer hatte ich keine Wahl. Diese Frau hat nur gesagt, "das ist Natalia. Das zurückgebliebene Gschau hat sie von ihrem Vater, aber sie ist gar nicht so blöd." Oh Gott, das kann heiter werden. 60 Minuten mit einem hyperaktiven Geschwisterpaar mit 5 und 8 Jahren, einer überfleißigen 8-Jährigen, und jetzt noch diese verschreckte 5-jährige, die wahrscheinlich meint, die zwei Jungs sind der Teufel in Person, und auch die komische, übellaunige Miss wird sie früher oder später in ein Tal der Schmerzen schicken.
Naja, kurz gesagt, wenn wir uns diese 60 Minuten auf die Straße gesetzt und einfach gewartet hätten, dass alle zusammen wieder abgeholt werden, hätten wir uns eine Menge Nerven erspart. Gelernt haben sie jedenfalls nix.
Am Samstag früh um 07:00 hat mich dann erst mal Erick, mein Bosch-Schüler, versetzt. Ich war rasend vor Wut. Die Kerstin hat mich auch noch verlassen und ist für 10 Tage nach Cancun geflogen, um sich dort mit ihrer Tante zu treffen. Das werden 10 langweilige Tage fuer mich, auch wenn ich gespannt bin, wie sich eine 71-jährige deutsche Dame und Milliarden schreiender Amerikaner kombinieren lassen.
Nachdem Erick nachmittags um Verzeihung gebeten hat, bin ich mit ihm Bier trinken gegangen. Er hat mich gefragt, was ich von der mexikanischen Gesellschaft halte. (Da ich heute bereits die Eingebung hatte, dass es mir überhaupt nicht zusteht, ständig rumzukritisieren, lasse ich das an dieser Stelle.) Was ich aber kurz erwähnen möchte: während der paar Stunden in dieser Kneipe sind mindestens 5 verrotzte, dreckverschmierte Kinder an unseren Tisch gekommen, die uns Kaugummis verkaufen wollten. Der letzte hat uns angefleht, ihm einfach 15 Pesos zu geben, damit er endlich aufhören und draußen auf der Bank schlafen gehen kann. So was macht mich immer ganz fertig. Ich fühle mich richtig schlecht, wenn ich "nein, danke" sage und weiter gemütlich an meinem Getränk nippe. Und frage mich, wie das die glücklichen vielleicht 20% der mexikanischen Oberschicht mental auf die Reihe kriegen, direkt zusammen mit der Armut zu leben. Heute hab ich dazu Folgendes in einem mexikanischen Roman gelesen: "Natürlich gab es überall in der Stadt Arme, die an Straßenecken oder am Eingang der Kirchen bettelten. Wie alle in ihren Kreisen hatte Emilia auch gelernt, die Existenz des Elends ohne schlechtes Gewissen hinzunehmen." So muss es wohl sein, anders geht's wahrscheinlich nicht.

Am Sonntag bin ich endlich ins Kloster gegangen, und zwar in den Ex-Convento San Miguel de Zinacantepec. Das Dorf Zinacantepec liegt, wie schon mal erwähnt, nur ein paar Busminuten von Toluca entfernt und heißt übersetzt "cerro de las murciélagos", "Fledermaus-Hügel". Früher lebte hier vor allem der Stamm der Olmecas.
A propos Kultur. Ab und zu fällt mir auf, wie kompliziert und tragisch eigentlich die Geschichte Mexikos ist. Vor wirklich nicht allzu langer Zeit gab es hier noch eine unglaubliche kulturelle Vielfalt, die durch die Eroberung der Spanier auf einen Schlag ausgelöscht wurde. Den Menschen, die nicht umgebracht wurden, wurde die Kultur, die Religion, die Sprache, das Land – alles, einfach, genommen. Man hat sich die heidnischen, also vorchristlichen, Götter angeschaut, hat den Götterbildern ein bisschen das Gesicht schwarz gemalt, und fertig waren die christlichen Gottesbilder, angepasst an die Bedürfnisse der dunkelhäutigen indígenas. Im Zuge dieser Christianisierung ist im Übrigen die in Mexiko kult-artig verehrte Virgen de Guadalupe entstanden. An anderer Stelle muss ich das ausführlicher erzählen; die Mexikaner sind geradezu besessen von ihr. Wehe, man sagt laut etwas gegen die Virgen – dann ist Schluss mit lustig ...
Aber zurück zur spanischen Eroberung, der Conquista. Dieses Ereignis war ein Trauma für das ganze Land, und zwar ein derartig heftiges Trauma, dass es sich über Generationen hinweg weiter getragen hat und immer noch, täglich, spürbar ist. Erick meint, daraus ergibt sich zum Beispiel die tiefe Melancholie der Mexikaner, die sie durch ihre vielen Feste und Feiern überwinden wollen.

Mmmh... an dieser Stelle ist mir das gesellschaftliche Trauma eingefallen, das Hitler und der 2.Weltkrieg in den Köpfen der Deutschen hinterlassen hat. Auch das geben wir von Generation zu Generation weiter. Nationalstolz ist noch immer ein gaaaaanz schwieriges Thema in Deutschland. Oder?

Ich war also am Sonntag mittag in Zinacantepec in diesem Franziskaner-Kloster aus dem 16.Jahrhundert. Ganz schön ist das, groß, weitläufig, mit schönem Klostergarten und spitzenmäßig erhaltenen Fresken an der Wand. Ich bin da ein paar Stunden rumgeschlichen und habe die Stille genossen. Auf dem Marktplatz (direkt daneben) war nämlich mal wieder das ganze Dorf in großer Aufruhr, Wahlkampfveranstaltungen mit obligatorischen Böllern, und ein paar Karusselle dazu aufgebaut. Es war also so ein Geschrei auf den Straßen, dass mir quasi gar nichts anderes übrig blieb, als ins Kloster zu fliehen. Wobei sich mir mal wieder das Thema "Susanne wird alt, bekommt graue Haare und ist inzwischen auch lärmempfindlich" aufdrängt; aber lassen wir das. Später natürlich Markt. Tote Hühner und Schweine in Massen, Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, CDs und DVDs, Klopapierrollen, Strümpfe, getrocknete und gesalzene Schweinehaut (mmh Chicarrón), Chips mit Salsa, Tacos, dazwischen ein paar Vogelkäfige in der Sonne (mich wundert, dass die Vögel sich überhaupt noch bewegt haben), Hühner auf den Boden und schlafende, verfilzte Hunde, die um die Stände schleichen. Das ganze ist ein wallendes Chaos aus Menschenauflauf auf zu engem Raum, schlechter Luft und lauter Musik. Aaaaber ich hab mir endlich einen Sombrero gekauft. Das mit den Sombreros ist im Übrigen kein Witz: die Männer haben die wirklich auf. Allerdings keine einzige Frau. Deswegen hab ich meinen Sombrero auch nur verschämt in der Hand gehalten, zumindest draußen auf der Straße.

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