Donnerstag, 27. April 2006

Ich muss das Land verlassen – noch heute Nacht

Ay México, lindo y querido... o de la chingada, también
Eine ganz schöne Berg- und Talfahrt war das mit uns beiden.

Ich liebe das Land und ich verachte es, es bringt mich zur Weißglut oder wahlweise zum Tanzen und Springen vor Freude.
Es ist Donnerstag, dreiviertel 7 Uhr früh – (fast Zeit für die erste clase des Tages), und ich kann nicht mehr schlafen. Jetzt also doch, tausende verschiedene Emotionen erwachen und gerade hab ich natürlich überhaupt keine Lust zu gehen. Wie's halt immer so ist.

Gestern, meine 2. und letzte Abschiedsfeier war wirklich schön. Fast alle sind gekommen: Carlos, Mauro, Sergio, Kerstin, Bety, Pau, Beto, sogar Pepetono, Fernando, Javier, German, Claudia, Belem, die beiden Andrea, Antonio und Sonja. Und das, obwohl ein paar heute Prüfung schreiben. Fehlten nur Erick, Cynthia, Karla, Arturo, Rocio und Gersain. Beto hat mir seinen Sombrero geschenkt, einen wirklich coolen Sombrero, "der schon ganz Mexiko durchreist hat und jetzt Deutschland kennen lernen soll".
Gestern waren natürlich alle mal wieder ganz unglaublich nett und lieb und emotional und wir sehen uns ganz bestimmt wieder und wann kommst du zurück nach Mexiko und no te vayasss! Auch wenn sie spinnen- ich hab sie schon wirklich gern. Ana hatte endlich ihr "I have a Blackbelt in Flirting" – T-Shirt an, German hat seine übliche Show abgezogen, die Mädels waren miesepetrig wenn sich keiner mit ihnen unterhalten hat, Sergio war mal wieder im Anzug da, Kerstin hat irgendwann ihre roten Bäckchen gekriegt, Carlos hat gesagt, ich bin ihm noch tantito schuldig ...

So, Mexiko, und was bleibt uns unter'm Strich?
Viele Dinge hier wird ich nie ganz verstehen (Lieblingszitat Kerstin: "die haben doch alle einen an der Klatsche"), und ich möchte eigentlich nicht wissen, wie oft sich die Leute hier dasselbe über uns gedacht haben. Es sind einfach zwei Welten. Und ich konnte es wohl nicht besonders oft lassen, rumzukritisieren und mich zu beschweren. Typisch deutsch .. Und ich bin wirklich manchmal verzweifelt.
Über einen der Kernpunkte der Missverständnisse im täglichen Leben hab ich gestern was schönes gelesen; der Konflikt zwischen Wahrheit und Frieden:

"Lateinamerika insgesamt und besonders Mexiko wählen soziologisch gesprochen den "indirekten Weg der Kommunikation", die Technik der prophylaktischen Vermeidung von Konflikten. Es ist eine "Hochkontext-Kultur". Das bedeutet, es ist nicht immer alles so gemeint, wie es gesagt wird, sondern man muss aus der Gesamtsituation – aus dem Kontext heraus – erspüren, wie man z.B. eine Antwort zu bewerten hat. Manchmal bleibt eine Frage geschickt "unbeantwortet", damit es nicht zu einer Ablehnung, zu einem "klaren Nein!" kommt. Deutsche erwarten aber oft eine klare Aussage und warten dann vergebens. Sie nehmen den anderen gerne beim Wort und wollen sich darauf verlassen. Wer kennt das nicht? [...]
Der Philosoph Immanuel Kant hat im Wertekonflikt zwischen "Frieden" einerseits und "Wahrheit" andererseits die Betonung auf die Wahrheit gelegt. Wahrhaftig solle der Frieden sein – eine hohe Anforderung! Jeder soll wissen, woran er ist. Dann brauchen wir nicht mehr so viel soziales "Schmieröl" (kleine, nette, nützliche Lügen) und können ungefiltert sagen, was wir als die Wahrheit erachten. Aber andere Kulturen kommen eben zu einem anderen Ergebnis."

Genau..

Mexiko, Mexiko..
In den letzten 8 Monaten hab ich sicher mehr gelacht als in durchschnittlichen 8 Monaten Deutschland, und das mit einem sehr gewöhnungsbedürftigen Arbeitsalltag. Meistens hatte ich gute Laune, und alles war so schön unstressig, leicht und beschwingt. Entspannt. Vielleicht geht das ja in Deutschland auch. (Bin eh neugierig zu merken, wie viele mexikanische Gewohnheiten mir mittlerweile ins Blut übergegangen sind).
Zum Teil war's natürlich ganz schön hart und extrem wenig spaßig. Der Winter— nie werd ich diesen Morgen vergessen, als ich mich bei ca. 4° Zimmertemperatur um 6 Uhr früh mit kaltem Wasser geduscht habe und danach meine Beine mit dem Fön gewärmt habe.. oder die Arbeitszeiten, oft bin ich tagsüber innerhalb von Minuten eingeschlafen vor Erschöpfung, obwohl um 11 ins Bett gegangen..

Nicht eine einzige Sekunde habe ich bereut, hierher gekommen zu sein. Das war wahrscheinlich die beste Entscheidung meines Lebens, und ich glaube, in den letzten 8 Monaten hat sich so ziemlich alles für mich verändert – und ich mich.
Das mit dem Unterrichten, wer hätte das gedacht, dass das so ein Erfolg wird! Unglaublich viel habe ich gelernt von meinen Schülerchen, und das Feedback von ihnen war wirklich Wahnsinn. Das Unterrichten hat mich so zufrieden gemacht, insgesamt, wie ich das bisher von einem Büro-Job nicht gekannt habe. Und sicherlich nicht bei TE, als ich jede Nacht Albträume von Kunden hatte und tagsüber Knoten im Magen.

Die zweite große Sache, revolutionär für mein Leben: Endlich kann ich ruhig sein. Nach all den rastlosen Jahren mit dieser Unzufriedenheit in mir und dem ständigen Verlangen, zu verschwinden, kann ich jetzt endlich nach Hause kommen und meine Energie darauf konzentrieren, mir möglichst bald einen Hund kaufen zu können- der Hund, mein Indikator dafür, dass mein Leben in die richtige Richtung läuft. Das macht Sinn!, wirklich, aber an dieser Stelle mag ich das nicht erläutern.

Hm, das ist aber jetzt auch irgendwie ein blödes Schlusswort.

MEXIKO! ICH VERLASSE DICH! Ay, ya me voy. Te extrañaré.

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