Mittwoch, 12. April 2006

Mérida

Diese Mexikaner. Kaum hat man kein Geld mehr, fangen die Probleme schon an...

Heute ist also Mittwoch -- die Frage zu klaeren, "Welcher Tag ist heute?", hat uns gestern ziemlich viel Arbeit gekostet. Schliesslich konnte Tom sie beantworten, weil "gestern gab es keine Pizza in der Bar, und in der Karte stand, dass es Montags keine Pizza gibt." Interessanter Weg, den Wochentag rauszufinden...

Gestern ist Folgendes passiert: Wir sind um 7 in der Frueh im Dschungel in einen Bus gestiegen, haben die Staaten Chiapas, Tabasco und Campeche durchquert, haben uns den A.. breitgesessen, mussten uns einmal von irgendwelchen zweifelhaften "Autoritaeten" die Taschen und Rucksaecke durchwuehlen lassen (an dieser Stelle haben meine Haende leicht zu schwitzen begonnen - schliesslich bin ich ja illegal - wahrscheinlich hatten die aber mit Chiapas und den Zapatistas zu tun, und denen ist das natuerlich vollkommen wurscht)
... und sind 9 Stunden spaeter in Yucatan angekommen, und zwar in der Hauptstadt des Staates: Mérida.

Der Empfang im Hotel war ausserordentlich gut - ein kuehles, und kostenloses, Bier fuer die ganze Gruppe. Das Haus ist echt cool, hat einen pflanzenueberwucherten Innenhof mit zwei Haengematten, die leise in der Nachmittagsbrise hin und her schwingen, und vor allem: wir koennen den Pool des Nachbarhotels benutzen. Dieser ist zwar klein und Fruehlingslaub bedeckt die Oberflaeche, aber ganz still und leise... habe mich ein bisschen wie ein Eindringling in einem Privathaus gefuehlt.

Merida ist ueberraschend haesslich, und ehrlich gesagt interessiert es mich auch relativ wenig. Ich bin jetzt naemlich fertig mit Museen, Haeusern im Kolonialstil und archaeologisch wertvollen Staetten. Ab jetzt will ich am Strand in der Sonne liegen und braun werden. Und vielleicht einen Mojito dazu trinken.

Dazu ist nur eine Kleinigkeit notwendig:
Geld.
Auch heute ist meine EC-Karte noch nutzlos und verweigert den Dienst. Der Automat gibt mir einfach kein Geld. Was ist da los??? Heute hab ich es aufgegeben und beschlossen, mit Visakarte und Pass in der Bank abzuheben.

Hoert sich einfach an, ist aber aeusserst kompliziert. Schliesslich sind wir in Mexiko, wo Online-Banking quasi nicht existiert, Ueberweisungen auf Konten ungefaehr so gelaeufig sind wie ein sprechendes Schwein, und die meisten Leute wahrscheinlich nicht mal ueber ein Konto verfuegen.
Ich gehe also in die Bank, in eine der GROESSTEN GELDINSTITUTE MEXIKOS: Banamex. Komme rein und fuehle mich wie auf einem Konzert von Alejandro Sanz: Es stehen Hunderte von Leuten rum, sitzen auf Baenken, stehen Schlange, Kinder spielen auf dem Boden und schreien, und ich stehe erst mal ein paar Minuten fassungslos da und frage, wie das hier eigentlich funktioniert. Man erklaert mir, ich muss einen Zettel abreissen- wie bei uns auf dem Arbeitsamt. Ich ziehe, und bekomme die Nummer: 223. Sehe mich um, und mir kriecht das Grauen ueber den Ruecken: Gerade ist die Nummer 162 an der Reihe. WASSSS vor mir sollen lockere 61 Leute bedient werden ??
OK.
Ich warte also, anfangs geduldig, spaeter leicht ungeduldig, und nach ueber einer Stunde Wartezeit NERVOES.
Hahh es beept und die Nummer 223 ist dran, ich springe auf und renne hektisch zu Schalter 10 und sage der freundlichen Dame atemlos, hallo ich brauche Bargeld ich moechte mit meiner Visakarte abheben und meinen Reisepass hab ich auch dabei ich habe da an so ungefaehr 2.000 Pesos gedacht was...

--- die Tussi auf der anderen Seite sagt mit kaltem Blick folgende Worte zu mir: Visa? No tenemos el sistema.
Und winkt mich zur Seite.
Ich, panisch, haeh, wie, ihr habt das System nicht? Was heisstn das? Wie?

--- Daraufhin schreit sie fast und sagt in einer Stimme, mit der man zu sehr dummen und sehr hilflosen Menschen spricht, NO - SISTEMA! NO - SISTEMA!

Ich hab dann schlimm geflucht und war so boese, dass ich mitten in der Scheissbank fast zu heulen angefangen haette.
OK, eigentlich hab ich zu heulen angefangen.
So eine Scheisse! Wenn Banamex mir kein Geld gibt, wer dann? Und vor allem, was mach ich jetzt? Und ausserdem muss ich meine Telefonkarte aufladen, weil die Oma doch heute Geburtstag hat aber ich kann keine kaufen und ueberhaupt hab ich schon wieder tierisch die Nase voll von den bloeden Mexikanern...

Letztendlich hab ich noch ein paar Backup-Traveller-Cheques gefunden, mit denen komm ich zumindest ueber die Osterfeiertage. Und danach kann ich immer noch Online-Ueberweisungen an meine neuen Freunde hier durchfuehren, und sie geben mir Bargeld. Phuhhh.

Abgesehen von diesem Ereignis bin ich nur mit Tom durch die Stadt gelaufen, durch einen stinkigen Markt, habe zweifelhaftes Libanesisches "Essen" gegessen, dessen Anblick die spontane Assoziation "Durchfall" bei mir geweckt hat, (hab dann ein paar rohe Zwiebeln dazu gegessen, sollen ja antibiotisch wirken), und den restlichen Tag werde ich mit meinem Buch in der Haengematte oder wahlweise im Pool verbringen.

Keine Kommentare: